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Art. 37 GSchG - Art. 37 LEaux

Fritzsche Christoph​ 

 

 

Verbauung und Korrektion von Fliessgewässern

1         Fliessgewässer dürfen nur verbaut oder korrigiert werden, wenn:

a.       der Schutz von Menschen oder erheblichen Sachwerten es erfordert (Art. 3 Abs. 2 des BG vom 21. Juni 1991 über den Wasserbau);

b.       es für die Schiffbarmachung oder für eine im öffentlichen Interesse liegende Nutzung der Wasserkraft nötig ist;

b.bis    es für die Errichtung einer Deponie nötig ist, die nur am vorgesehenen Standort errichtet werden kann und auf der ausschliesslich unverschmutztes Aushub‑, Abraum‑ und Ausbruchmaterial abgelagert wird;

c.       dadurch der Zustand eines bereits verbauten oder korrigierten Gewässers im Sinn dieses Gesetzes verbessert werden kann.

2         Dabei muss der natürliche Verlauf des Gewässers möglichst beibehalten oder wiederhergestellt werden. Gewässer und Gewässerraum müssen so gestaltet werden, dass:

a.       sie einer vielfältigen Tier‑ und Pflanzenwelt als Lebensraum dienen können;

b.       die Wechselwirkungen zwischen ober‑ und unterirdischem Gewässer weitgehend erhalten bleiben;

c.       eine standortgerechte Ufervegetation gedeihen kann.

3         In überbauten Gebieten kann die Behörde Ausnahmen von Absatz 2 bewilligen.

4         Für die Schaffung künstlicher Fliessgewässer gilt Absatz 2 sinngemäss.

Endiguements et corrections de cours d'eau

1         Les cours d'eau ne peuvent être endigués ou corrigés que si ces interventions:

a.       s'imposent pour protéger des personnes ou des biens importants (art. 3, al. 2, de la loi fédérale du 21 juin 1991 sur l'aménagement des cours d'eau);

b.       sont nécessaires à l'aménagement de voies navigables ou à l'utilisation de forces hydrauliques dans l'intérêt public;

b.bis    sont nécessaires pour aménager une décharge qui ne peut être réalisée qu'à l'endroit prévu et sur laquelle seront stockés exclusivement des matériaux d'excavation et des déblais de découverte et de percement non pollués;

c.       permettent d'améliorer au sens de la présente loi l'état d'un cours d'eau déjà endigué ou corrigé.

2         Lors de ces interventions, le tracé naturel des cours d'eau doit autant que possible être respecté ou rétabli. Les eaux et l'espace réservé aux eaux doivent être aménagés de façon à ce que:

a.       ils puissent accueillir une faune et une flore diversifiées;

b.       les interactions entre eaux superficielles et eaux souterraines soient maintenues autant que possible;

c.       une végétation adaptée à la station puisse croître sur les rives.

3         Dans les zones bâties, l'autorité peut autoriser des exceptions à l'al. 2.

4         L'al. 2 s'applique par analogie à la création de cours d'eau artificiels.

Arginatura e correzione dei corsi d'acqua

1         I corsi d'acqua possono essere arginati o corretti solo se:

a.       la protezione dell'uomo o di beni materiali importanti lo esige (art. 3 cpv. 2 della LF del 21 giu. 1991 sulla sistemazione dei corsi d'acqua);

b.       l'arginatura o la correzione è necessaria per rendere navigabile o per sfruttare nel pubblico interesse le forze idriche;

b.bis    l'arginatura o la correzione è necessaria per realizzare una discarica che può essere ubicata soltanto nel luogo previsto e nella quale viene depositato esclusivamente materiale di scavo e di sgombero non inquinato;

c.       in tal modo si migliora ai sensi della presente legge un corso d'acqua già arginato o corretto.

2         Nell'ambito dell'arginatura o correzione, il tracciato naturale del corso d'acqua dev'essere per quanto possibile rispettato o ricostituito. Il corso d'acqua e lo spazio riservato alle acque devono essere sistemati in modo da:

a.       poter servire da biotopo ad una fauna e ad una flora diversificate;

b.       conservare in larga misura le interazioni fra le acque superficiali e quelle sotterranee;

c.       permettere lo sviluppo di una vegetazione ripuale consona al luogo.

3         Nelle zone edificate, l'autorità può autorizzare deroghe al capoverso 2.

4         Il capoverso 2 è applicabile per analogia alla costruzione di corsi d'acqua artificiali.

 

Inhaltsübersicht

Entstehungsgeschichte1
II.Allgemeine Bemerkungen2
A.Zielsetzung2
B.Begriffe3
III. Kommentierung7
A.  Voraussetzungen für Verbauung oder Korrektur von Fliessgewässern (Abs. 1)7
1.Anwendungsbereich7
2.Schutz von Menschen oder Sachwerten (Bst. a)9
​3.Schiffbarmachung oder Nutzung der Wasserkraft (Bst. b)16
4.Errichtung einer Deponie (Bst. bbis)17
5.Verbesserung des Zustands (Bst. c)28
​B.Anforderungen an die Ausführung von Korrektionen und Verbauungen (Abs. 2)36
1.Allgemeine Bemerkungen36
2.Abgrenzungen40
3.Beibehaltung/Wiederherstellung des natürlichen Gewässerverlaufs
als primäres Ziel (Abs. 2, Satz 1)
42
4.Gestaltungsgebote (Abs. 2, Satz 2)46
C.Ausnahmen in überbauten Gebieten (Abs. 3)53
​D.Schaffung künstlicher Fliessgewässer (Abs. 4)

 

 

I.              Entstehungsgeschichte

 

 

1. Art. 37 GSchG wurde im Rahmen des neuen GSchG 1991 eingeführt (Vgl. zur Entstehungsgeschichte Komm. zu Art. 1 GSchG N 11).

 

 

II.           Allgemeine Bemerkungen

 

 

A.           Zielsetzung

 

2. Ein Fliessgewässer wird in seiner Gestalt und in seiner Funktion gestört, wenn es verbaut und korrigiert wird (Hunger, Sanierungspflicht, 290). Daher sollen Verbauungen und Korrektionen von Fliessgewässern im Interesse naturnaher morphologischer und hydrologischer Bedingungen nur vorgenommen werden, wenn überwiegende Interessen dies erfordern. Sie sind zulässig, wenn eine der in Art. 37 Abs. 1 GSchG abschliessend formulierten Voraussetzungen gegeben ist. Dabei müssen die Anforderungen von Art. 37 Abs. 2 GSchG an den Verlauf und die Gestaltung des Gewässers und seiner Ufer beachtet werden.

 

B.            Begriffe

 

3. Art. 37 GSchG bezieht sich auf «Fliessgewässer». Sie sind hier im Gegensatz zu den stehenden Gewässern (Seen) zu sehen. Aus Art. 33 GSchV ergibt sich sodann, dass Fliessgewässer mit und solche ohne ständige Wasserführung bestehen (vgl. dazu BGE 126 II 283, E. 3). Art. 37 GSchG gilt für beide Arten (vgl. zum Begriff der ständigen Wasserführung Art. 4 Bst. h und i GSchG). Art. 37 gilt auch für kleine Fliessgewässer, selbst wenn bei ihnen auf die Ausscheidung des Gewässerraums verzichtet werden kann (vgl. Komm. zu Art. 36a GSchG N 67).

4. Zu den Fliessgewässern gehören auch bereits verbaute Gewässer, d.h. Gewässer, die eingedolt und/oder kanalisiert worden sind (BGer 1A.62/1998 vom 15. Dezember 1998, E. 3a, in: ZBl 101/2000, 323 ff. und URP 2000, 648; BGer 1C_164/2012 vom 30. Januar 2013, E. 8.4.1, in: URP 2013, 113 ff., E. 8.1; Botschaft GSchG 1987, 1141).

5. Unter Verbauungen und Korrektionen sind, im Einklang mit dem allgemeinen Sprachgebrauch, Eingriffe zu verstehen, die eine Stabilisierung, Veränderung oder Verlegung des Gewässers bewirken. Dabei kann es sich um punktuelle Eingriffe (z.B. einzelne Sohlenrampen, auch als Blockrampen bezeichnet, Anreicherung mit Blöcken, Schwellen, Sperren, Rechen, Geschiebesammler) oder auch um weitergehende Massnahmen (etwa Sohlen‑ und Uferpflästerung, Hochwasserdämme, Gerinneverbreiterung, Ufermauern) handeln (Botschaft GSchG 1987, 1141; vgl. ausführlich BWG, Wegleitung Hochwasserschutz, 60; zu einer Ufermauer s. Verwaltungsgericht GR, Urteil vom 24. Oktober 2006 [R 06 52], E. 3, in: PVG 2006 Nr. 28). Unter Korrektion kann auch die Verlegung eines Gewässerabschnitts verstanden werden.

6. Nicht unter die Begriffe «Verbauung und Korrektion» fallen punktuelle Massnahmen für Bauten an oder in Gewässern, mit denen nicht die Stabilisierung eines Gewässerbetts bezweckt wird, wie Brückenwiderlager, Teile von Hafenanlagen, Messschwellen, Anlegestellen für Schiffe, Einbauten für Wasserfassungen und Wassereinleitungen (Botschaft GSchG 1987, 1141; BGer 1C_378/2009 vom 14. Januar 2010, E. 2.2, auch zum Folgenden). Auch die Beseitigung von Ufervegetation allein stellt keine Verbauung oder Korrektion eines Fliessgewässers dar. Es gelten jedoch die Bewilligungspflichten nach Art. 8 BGF (Wagner Pfeifer, Umweltrecht Handbuch, N 962 mit Fn. 90) und Art. 21 NHG.

 

 

III.        Kommentierung

 

 

A.           Voraussetzungen für Verbauung oder Korrektur von Fliessgewässern (Abs. 1)

 

1.             Anwendungsbereich

7. Fliessgewässer dürfen nur unter den in Abs. 1 Bst. a–c genannten Voraussetzungen verbaut oder korrigiert werden. Die Aufzählung ist einerseits alternativ zu verstehen (vgl. etwa BGer 1C_109/2010 vom 8. September 2010, E. 6.3.6, in: URP 2010, 717), andererseits ist sie aber auch abschliessend. Aus anderen als den ausdrücklich genannten Gründen sind Verbauungen oder Korrektionen nicht zulässig. Daher sind Eingriffe, die beispielsweise nur der Landgewinnung, der einfacheren Anlage von Verkehrsträgern oder der Erleichterung der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung dienen, nicht möglich, es sei denn, dadurch könne im Sinne von Bst. c eine bestehende Verbauung oder Korrektion verbessert werden (Botschaft GSchG 1987, 1142).

8. Bst. a, b und bbis beziehen sich auf natürliche Fliessgewässer, Bst. c auf solche, die bereits verbaut oder korrigiert worden sind. Natürliche Fliessgewässer dürfen nur zum Hochwasserschutz (Bst. a), für die Schiffbarmachung bzw. die Nutzung der Wasserkraft (Bst. b) oder für eine Deponie (Bst. bbis) verbaut oder korrigiert werden. Ansonsten sind Eingriffe auf bereits verbaute und korrigierte Gewässer beschränkt (Bericht UREK-S Standesinitiative Teilrevision GSchG 2012, 9410). Sie sind nach Bst. c zulässig, wenn dadurch der Zustand eines solchen Gewässers im Sinne des GSchG «verbessert» wird.

 

2.             Schutz von Menschen oder Sachwerten (Bst. a)

 

9. Gemäss Abs. 1 Bst. a darf bzw. muss ein Fliessgewässer verbaut oder korrigiert werden, wenn dies der Schutz von Menschen oder erheblichen Sachwerten gebietet. In ihrer ursprünglichen Fassung verwies die Bestimmung auf Art. 5 Abs. 1bis des inzwischen aufgehobenen Wasserbaupolizeigesetzes aus dem Jahr 1877. Seit der Gesetzesänderung vom 22. März 2013 (Inkrafttreten am 1. August 2013) wird auf den heute aktuellen Art. 3 Abs. 2 WBG verwiesen. Der materielle Gehalt der Bestimmung bleibt derselbe (Bericht UREK-S Standesinitiative Teilrevision GSchG 2012, 9411).

10. Das WBG bezweckt den Schutz von Menschen und erheblichen Sachwerten vor schädlichen Auswirkungen des Wassers, insbesondere vor Überschwemmungen, Erosionen und Feststoffablagerungen, mithin den Hochwasserschutz (Art. 1 Abs. 1 WBG). Dieser ist Aufgabe der Kantone (Art. 2 WBG). Die Kantone gewährleisten den Hochwasserschutz in erster Linie durch den Unterhalt der Gewässer und durch raumplanerische Massnahmen (Art. 3 Abs. 1 WBG; vgl. dazu BWG, Wegleitung Hochwasserschutz, 10). Nur wo dies nicht ausreicht, müssen zum Zwecke des Hochwasserschutzes Massnahmen wie Verbauungen, Eindämmungen, Korrektionen, Geschiebe‑ und Hochwasserrückhalteanlagen sowie alle weiteren Vorkehrungen, die Bodenbewegungen verhindern, getroffen werden. Diese Massnahmen sind mit jenen aus anderen Bereichen gesamthaft und in ihrem Zusammenwirken zu beurteilen (Art. 3 Abs. 2 und 3 WBG).

11. In Übereinstimmung damit lässt Art. 37 Abs. 1 Bst. a GSchG Hochwasserschutzmassnahmen zu, wenn dies der «Schutz von Menschen» oder «erheblichen Sachwerten» erfordert und wenn der Unterhalt der Gewässer und raumplanerische Massnahmen für den Hochwasserschutz nicht ausreichen (vgl. etwa BGer 1A.157/2006 vom 09. Februar 2007, E. 3.2).

12. Innert der ersten zehn Jahre seit Inkrafttreten der Bestimmung musste sich die Rechtsprechung damit nicht befassen, was unter anderem darauf zurückzuführen sein dürfte, dass in manchen Fällen ohne nähere Prüfung davon ausgegangen wurde, die Voraussetzungen gemäss Bst. a für Eingriffe in Gewässer, die eine Verbauung oder Korrektion darstellen, seien beim Bau von Anlagen, insbesondere Verkehrsanlagen ohne Weiteres erfüllt (Huber-Wälchli/Keller, Rechtsprechung bis 2002, 48 f., unter Hinweis auf einen Entscheid des Kantonsgerichts Wallis, in: URP 1997, 49, nicht publizierte E. 16).

13. Zwischenzeitlich hat das BGer immerhin Leitlinien gesetzt. Danach wird für die Zulässigkeit der Verbauung oder Korrektion keine «hohe» Gefährdung durch Hochwasser oder keine «starke» Verbesserung des Schutzgutes verlangt (BGer 1C_109/2010 vom 8. September 2010, E. 6.3.5, in: URP 2010, 717). Im genannten Urteil zitierte das BGer die vorinstanzliche Auffassung, wonach durch das Projekt die Hochwassersituation «leicht» verbessert werden könne und befand, es sei kein Widerspruch zu Art. 37 Abs. 1 Bst. a GSchG gegeben, auch wenn das Auflageprojekt nicht zu den vordringlichsten Massnahmen des örtlichen Hochwasserschutzes gehöre und mit ihm auch private Interessen begünstigt würden. Das Bundesgericht legte sich bei diesem Urteil allerdings eine gewisse Zurückhaltung auf, da die kantonalen Behörden mit den örtlichen Verhältnissen besser vertraut seien (vgl. N 15). Vgl. zu den Verbauungen für den Hochwasserschutz ausführlich BGer 1C_148/2008 vom 11. Dezember 2008 [«Linth-Kanal»], E. 4.5, in: URP 2009, 150).

14. Ist eine der beiden Voraussetzungen von Abs. 1 Bst. a GSchG (Schutz von Menschen oder erheblichen Sachwerten) gegeben, muss nicht noch zusätzlich geprüft werden, ob mit der vorgesehenen Massnahme der Zustand des Gewässers verbessert werden könne. Art. 37 Abs. 1 Bst. c GSchG enthält lediglich eine alternative Voraussetzung für die Verbauung und Korrektion von Fliessgewässern (BGer 1C_109/2010 vom 8. September 2010, in: URP 2010, 717, E. 6.3.6). Dasselbe gilt für Art. 37 Abs. 1 Bst. b und bbis GSchG.

15. Den Kantonen verbleibt ein erheblicher Anwendungsspielraum. Es obliegt weitgehend ihnen, zu beurteilen, ob raumplanerische Massnahmen und der Unterhalt der Gewässer zum Schutz von Menschen und erheblichen Sachwerten ausreichen oder ob zusätzlich wasserbauliche Massnahmen nötig sind. Das BGer auferlegt sich bei der Würdigung örtlicher Verhältnisse und bei ausgesprochenen Ermessensfragen Zurückhaltung (BGer 1C_109/2010 vom 8. September 2010, E. 6.3.5, in: URP 2010, 717; 1A.157/2006 vom 9. Februar 2007, E. 3.2; Botschaft GSchG 1987, 1092 f.).

 

3.             Schiffbarmachung oder Nutzung der Wasserkraft (Bst. b)

 

16. Die Schiffbarmachung eines Flusses oder der Bau eines Flusskraftwerks bedingen häufig harte Eingriffe in ein Gewässer. Oft sind bei solchen Vorhaben Baggerungen oder Uferstabilisierungen unvermeidlich. Deshalb gilt auch hier eine Ausnahme, indem die Korrektion oder Verbauung eines Fliessgewässers vorgenommen werden darf, wenn dies für die Schiffbarmachung oder für eine im öffentlichen Interesse liegende Nutzung der Wasserkraft nötig ist. Es ist indessen auch hier eine umfassende Interessenabwägung durchzuführen (Botschaft GSchG 1987, 1140 f.).

 

4.             Errichtung einer Deponie (Bst. bbis) Entstehung und Zielsetzung

 

17. Bestimmung wurde mit GSchG-Änderung vom 22. März 2013 neu aufgenommen und ist am 1. August 2013 in Kraft getreten (BBl 2013 2339 f.). Sie geht auf eine vom Kanton Bern am 16. Juni 2010 eingereichte Standesinitiative zurück. Der Kanton Bern war mit dem Problem des sehr starken Schutzes von natürlichen Fliessgewässern konfrontiert worden, als er ein Vorhaben für eine Deponie für unverschmutzten Aushub prüfte, die einen Eingriff in einen kleinen Bachlauf in einem Berner Alpental erforderlich gemacht hätte (Bericht UREK-S Standesinitiative Teilrevision GSchG 2012, 9409; vgl. auch Votum Wasserfallen [Kommissionssprecher], AB 2013 N 11).

18. Die Initiative des Kt. BE verlangte eine Anpassung von Art. 37 und 38 GSchG dahingehend, dass es möglich wird, die Umlegung und gleichzeitige Aufwertung von Fliessgewässern namentlich im Alpen‑ und Voralpenraum ausnahmsweise zu bewilligen, wenn die Errichtung einer neuen, in einem Richtplan aufgeführten und im öffentlichen Interesse liegenden Deponie für ausschliesslich unverschmutzten Aushub dies zwingend erforderlich macht (Standesinitiative «Gewässerschutzgesetz. Teilrevision» des Kt. BE vom 16. Juni 2010 [10.324]).

19. Die Kommission UREK-S nahm das Anliegen des Kt. BE auf und hielt es für sinnvoll, für unverschmutztes Aushubmaterial Deponierungsmöglichkeiten vorzusehen, die nicht mit allzu weiten Transportwegen einhergehen. Damit liessen sich – so die Kommission in ihrem Bericht – die Umweltbelastungen vermeiden, die der weiträumige Transport solchen Materials, insbesondere aus touristischen Alpentälern, mit sich bringt. Da es nicht vernünftig ist, wegen kleinen natürlichen Wasserläufen auf die Errichtung einer Deponie für unbelasteten Aushub unter allen Umständen verzichten zu müssen, rechtfertigt es sich, das Gewässerschutzgesetz so zu lockern, dass in diesen besonderen Situationen, die voraussichtlich vorwiegend in Seitentälern der Alpen und Voralpen mit knappen Platzverhältnissen vorliegen, Ausnahmen möglich sind (Bericht UREK-S Standesinitiative Teilrevision GSchG 2012, 9410; vgl. auch Wagner Pfeifer, Umweltrecht Handbuch, N 961).

Gebot zurückhaltender Auslegung

20. Die neue Ausnahme nach Bst. bbis kreiert nach Ansicht des Bundesrates in klar umschriebenen und voraussichtlich nur ausnahmsweise vorliegenden Situationen die Möglichkeit, sinnvolle Deponierungsmöglichkeiten für unverschmutztes Aushubmaterial zu schaffen (Votum Leuthard [Bundesrätin], AB 2012 S 1232 und AB 2013 N 11). Die Räte schlossen sich dieser Sichtweise an. Mithin drängt sich nach Auffassung des historischen Gesetzgebers eine zurückhaltende Bewilligungspraxis auf (vgl. Bericht UREK-S Standesinitiative Teilrevision GSchG 2012, 9410; AB 2013 N 12).

Beschränkung auf Deponien

21. Die Anwendbarkeit von Bst. bbis ist beschränkt auf Deponien. Zum Begriff der Deponie gilt die im USG verwendete Umschreibung: Das USG versteht unter einer Deponie eine künstlich angelegte und planmässig bewirtschaftete Ansammlung abgelagerter Abfälle. «Deponie» ist das Ergebnis wiederholter und organisierter, mit baulichen Vorkehrungen einhergehenden Ablagerungshandlungen an einem bestimmten Ort (Tschannen, Kommentar USG, Art. 30e N 10). Art. 3 Abs. 5 TVA definiert Deponien in ähnlicher Weise als «Abfallanlagen, in denen Abfälle endgültig und kontrolliert abgelagert werden». Eine Deponie ist in die Abfallplanung der Kantone nach Art. 31 USG aufzunehmen.

22. Die Standesinitiative des Kt. BE verlangte, dass die Ausnahme nur für Deponien gilt, die im Richtplan aufgeführt sind und im öffentlichen Interesse liegen (vgl. N 18). Das musste nicht in den Gesetzestext aufgenommen werden, weil bereits Art. 17 TVA entsprechende Regelungen enthielt. Seit 1. Januar 2016 ist der Sachverhalt in Art. 4 und 5 VVEA geregelt, welche Verordnung die TVA ab diesem Datum ersetzt. Danach erstellen die Kantone für ihr Gebiet eine Abfallplanung, welche insbesondere auch die Standorte von Deponien umfasst (Art. 4 Abs. 1 lit. d). Sie weisen die in der Deponieplanung vorgesehenen Standorte von Deponien in ihren Richtplänen aus und sorgen für die Ausscheidung der erforderlichen Nutzungszonen (Art. 5 Abs. 2).

23. Nicht alle Deponien sind von Bst. bbis erfasst. Gemäss ausdrücklichem Wortlaut gilt die Bestimmung nur für solche Deponien, auf welchen ausschliesslich unverschmutztes Aushub‑, Abraum‑ und Ausbruchmaterial gelagert wird. Mit Aufhebung der TVA per 1. Januar 2016 wurde hierfür ein eigener Deponietypus geschaffen (Typus A gemäss Art. 35 und Anh. VVEA). Sofern die Umleitung eines Fliessgewässers für die Errichtung einer Deponie nach den Bestimmungen des Gewässerschutzgesetzes (Art. 37 GSchG) zulässig ist, muss das Gewässer um die Deponie herum geleitet werden und sichergestellt sein, dass kein Wasser in die Deponie eindringen kann (Art. 36 Abs. 3 VVEA). Ferner sind die Anforderungen an den Standort und das Bauwerk von Deponien gemäss Anh. 2 VVEA zu beachten.

24. Zur Standortgebundenheit

Eine Verbauung oder Korrektion (der Gesetzgeber dachte insbesondere an eine Verlegung) muss für die Errichtung einer solchen Deponie «nötig» sein, die nur am vorgesehenen Standort errichtet werden kann. «Nötig» ist die Deponie am vorgesehenen Standort nur, wenn aufgrund einer umfassenden Standortevaluation in Abwägung aller betroffenen Interessen kein anderer Standort möglich ist (Bericht UREK-S Standesinitiative Teilrevision GSchG 2012, 9411; Votum Leuthard [Bundesrätin], AB 2012 S 1232; Stellungnahme BR Teilrevision, 9416; Votum Wasserfallen, AB 2013 N 11).

Beschränkung auf «kleine» Fliessgewässer?

25. Gemäss Art. 37 Abs. 1 GSchG (Einleitungssatz) beziehen sich die Ausnahmen in Bst. a–c auf die Verbauung und Korrektion von «Fliessgewässern». Eine Beschränkung auf kleine Fliessgewässer ist der Bestimmung nicht zu entnehmen. Das gilt demzufolge auch für Bst. bbis. Der Wortlaut der Bestimmung gibt aber insoweit den Sinn von Bst. bbis nicht wieder. Der Gesetzgeber dachte nur an die Verlegung des Bachbetts «kleinerer Fliessgewässer» (Bericht UREK-S Standesinitiative Teilrevision GSchG 2012, 9410; Votum Berberat [Kommissionssprecherin], AB 2012 S 1231; Votum Parmelin, AB 2013 N 11; Wagner Pfeifer, Umweltrecht Handbuch, N 961). Was kleine Fliessgewässer sind, wird im GSchG allerdings nirgends definiert. Auch im Rahmen der Beratung von Bst. bbis wurde auf eine entsprechende Umschreibung bzw. Einschränkung kein Wert gelegt. Es bleibt beim Ermessen im Einzelfall.

26. Auch nach einer Verlegung müssen die unter Abs. 2 aufgeführten Funktionen weiterhin gewährleistet sein. Der natürliche Verlauf des Gewässers ist möglichst beizubehalten oder wiederherzustellen. Gewässer und Gewässerraum sind naturnah zu gestalten (vgl. Votum Leuthard [Bundesrätin], AB 2012 S 1232 und AB 2013 N 11. Bei bereits verbauten oder korrigierten Gewässern muss das Vorhaben zu einer Verbesserung des Zustands führen (Bericht UREK-S Standesinitiative Teilrevision GSchG 2012, 9411, vgl. Bst. c).

 

Würdigung

 

27. Ein Nachgeschmack bleibt: Im Unterschied zu Bst. a (Hochwasserschutz), Bst. b (Schiffbarmachung) und Bst. c (Verbesserung des Zustandes) hat das Parlament mit Bst. bbis eine Ausnahme formuliert, die nur in wenigen Anwendungsfällen überhaupt aktuell werden wird. Es fragt sich, ob es Aufgabe der Gesetzgebung ist und sein kann, sich an derartigen Einzelfällen zu orientieren. Andere Einzelfälle (z.B. für die Erstellung oder Verbreiterung einer Strasse, die zur Erschliessung in einem engen Bergtal erforderlich ist) können ebenso auftreten, sind aber aufgrund der abschliessenden Formulierung in Art. 37 Abs. 1 GSchV ausgeschlossen. Zielführender wäre wohl gewesen, die Ausnahmefälle exemplifikatorisch aufzuzählen («Fliessgewässer dürfen verbaut oder korrigiert werden, sofern überwiegende öffentliche Interessen dies gebieten, insbesondere wenn […]»; es folgen dann Bst. a, b und c). Der Gesetzgeber hat leider einen anderen Weg beschritten. Und: Wenn man schon «kleine Fliessgewässer» im Fokus hat, weshalb sagt man dies denn nicht? Eine gute Gesetzgebung ist jedenfalls anders (vgl. dazu grundsätzlich etwa Griffel, Gute Gesetzgebung).

 

5.             Verbesserung des Zustands (Bst. c)

 

28. Gemäss Bst. c dürfen Fliessgewässer verbaut und korrigiert werden, wenn dadurch der Zustand eines bereits verbauten oder korrigierten Gewässers im Sinne des GSchG verbessert werden kann. Nach dieser Bestimmung sind Eingriffe für Vorhaben zulässig, welche nach Bst. a, b und bbis nicht zulässig wären.

29. Im Vordergrund steht bei Bst. c die Verlegung eines Fliessgewässers. Eine solche ist etwa dann zulässig, wenn sonst ein Areal nicht sinnvoll überbaut werden könnte (vgl. den Fall in BGer 1C_164/2012 vom 30. Januar 2013, in: URP 2013, 113 ff., wo der verdolte bzw. kanalisierte Bach mitten durch einen Baubereich führte). Oder es kann die Verlegung eines Fliessgewässers zur Realisierung von Sportanlagen oder anderer öffentlicher Anlagen bewilligt werden (vgl. Widmer Dreifuss, Sportanlagen, 408).

30. Die Verlegung ist zulässig, wenn dadurch der Zustand eines verbauten oder korrigierten Bereichs desselben Gewässers verbessert werden kann (vgl. dazu das oben erwähnte Urteil BGer 1C_164/2012, in: URP 2013, 113 ff.). Der Gesetzestext lässt indessen auch zu, dass das «begünstigte» Gewässer ein anderes Gewässer ist (etwa eines, das – eingedolt oder verbaut – in ersteres einmündet).

31. Bei einer solchen Verbauung oder Korrektion sind dann nicht nur die Anforderungen von Art. 37 Abs. 2 GSchG zu erfüllen, sondern es muss auch der Zustand des Gewässers im Sinne des GSchG verbessert werden. In diesem Sinne dürfen auch bereits in ihrem natürlichen Verlauf gestörte Fliessgewässer nicht ohne Schranken verändert werden (Botschaft GSchG 1987, 1141).

32. Der Zustand muss «im Sinne dieses Gesetzes» verbessert werden. Damit nimmt die Bestimmung insbesondere auf Abs. 2 Bezug, wonach der natürliche Verlauf möglichst wieder hergestellt werden soll. Eine «Verbesserung» ist also zum Beispiel dann gegeben, wenn ein Gewässer ganz oder teilweise ausgedolt und als natürlich fliessendes Gewässer geführt werden soll (BGer 1C_164/2012 vom 30. Januar 2013, E. 8, in: URP 2013, 113 ff.), oder wenn eine «harte» Verbauung mit künstlichen Ufern zugunsten eines natürlichen Verlaufs beseitigt wird.

33. Bst. c sieht keine Sanierungspflicht verbauter oder korrigierter Fliessgewässer vor. Er bestimmt nur, aber immerhin, dass solche Fliessgewässer dann (weiter) verbaut oder korrigiert werden dürfen, wenn deren Zustand gleichzeitig verbessert wird. Bewirkt also ein geplantes Bauvorhaben entlang eines eingedolten Fliessgewässers weder eine Verbauung noch eine Korrektur des Gewässerlaufs, so löst es keine Sanierungspflicht aus. Art. 37 GSchG regelt (wie Art. 38 GSchG) keine «Planung» im Sinne des Gewässerschutzrechts, welche nach Art. 46 GSchV mit der Richt‑ und Nutzungsplanung (also etwa einem Überbauungsplan) zwingend zu koordinieren wäre (unzutreffend daher wohl die redaktionellen Bemerkungen in ZBl 2000 323 ff., 333).

34. Mithin steht den zuständigen Behörden oder Privaten frei, die Offenlegung erst später vorzunehmen (spätestens wenn die bestehende Eindolung erneuerungsbedürftig wird; BGer 1A.62/1998 vom 15. Dezember 1998, E. 4a, in: ZBl 101/2000 323 ff. und URP 2000, 648). Zu beachten ist indessen auch Art. 38a GSchG (Pflicht zur Revitalisierung).

35. Das Fehlen einer aktuellen Sanierungspflicht bedeutet dagegen keinen Freipass hinsichtlich einer allenfalls vorgezogenen, freiwilligen Sanierung: Entschliesst sich die Behörde ein Fliessgewässer im Zusammenhang mit einer Überbauung offen zu legen, so handelt es sich dabei um die Korrektur eines Fliessgewässers, welche den Zustand eines bereits verbauten Gewässers verbessert und deshalb gemäss Abs. 1 Bst. c grundsätzlich zulässig ist, aber die Anforderungen von Abs. 2 an Verlauf und Gestaltung von Gewässern und Ufern erfüllen muss. Wird dagegen mit der Renaturierung zugewartet, so darf die Überbauung die künftige Sanierung des Bachs nicht präjudizieren, d.h. eine den Anforderungen von Art. 37 Abs. 2 GSchG genügende Renaturierung (Art. 38a GSchG) muss trotz der Überbauung möglich bleiben (BGer 1A.62/1998, E. 3e, in: ZBl 101/2000 323 ff.).

 

B.            Anforderungen an die Ausführung von Korrektionen und Verbauungen (Abs. 2)

 

1.             Allgemeine Bemerkungen

 

36. Gemäss Art. 37 Abs. 2 GSchG (gleichlautend Art. 4 Abs. 2 WBG betreffend den Hochwasserschutz) ist der natürliche Verlauf des Gewässers möglichst beizubehalten oder wieder herzustellen. Gewässer und Gewässerraum müssen so gestaltet werden, dass sie einer vielfältigen Tier‑ und Pflanzenwelt als Lebensraum dienen können (Bst. a), die Wechselwirkungen zwischen ober‑ und unterirdischem Gewässer weitgehend erhalten bleiben (Bst. b) und eine standortgerechte Ufervegetation gedeihen kann (Bst. c). Diese Anforderungen gelten kumulativ. Sie begründen keine selbstständigen Pflichten, sondern kommen nur zum Tragen, wenn ein Fliessgewässer verbaut oder korrigiert wird.

37. Abs. 2 stimmt mit Art. 4 Abs. 2 WBG überein: Auch bei Massnahmen des Hochwasserschutzes ist bei Eingriffen in ein Gewässer dessen natürlicher Verlauf möglichst beizubehalten oder wiederherzustellen. Gewässer und Gewässerraum müssen so gestaltet werden, wie dies auch in Art. 37 Abs. 2 GSchG vorgesehen ist.

38. Die Festlegung von Baubereichen in der Nutzungsplanung oder eine Überbauung dürfen die künftige Sanierung eines Gewässers nicht präjudizieren, d.h. eine den Anforderungen von Art. 37 Abs. 2 GSchG genügende Renaturierung muss trotz der Überbauung möglich bleiben. Wie bei Art. 38a GSchG bzw. Art. 41d GSchV müssen auch im Anwendungsbereich von Art. 37 GSchG genügend grosse unüberbaute Flächen für die künftige Offenlegung des Bachs, seine Ufer und seinen Gewässerraum frei bleiben (BGer 1A.62/1998 vom 15. Dezember 1998, E. 3e, in: ZBl 101/2000 323 ff., sowie in: URP 2000, 648 ff.; 1C_164/2012 vom 30. Januar 2013, E. 8.4.1, in: URP 2013, 113 ff.).

39. Die zuständigen Behörden haben dem Gesichtspunkt der Renaturierung von Gewässern im Rahmen von Sondernutzungs‑ oder Baubewilligungsverfahren frühzeitig in koordinierter Weise Rechnung zu tragen (Widmer Dreifuss, Sportanlagen, 409). Sofern die Gewässersanierung in einem engen räumlichen und sachlichen Zusammenhang mit einer geplanten Überbauung steht, besteht die Verpflichtung, die Überbauungsordnung und die Renaturierungsplanung hinreichend zu koordinieren. Diese Koordination setzt eine umfassende Interessenabwägung unter Einbezug aller von der Überbauung einerseits und der Bachsanierung andererseits berührten Interessen, namentlich der Raumplanung, des Umwelt‑, Natur‑ und Gewässerschutzes voraus (BGer 1A.62/1998 vom 15. Dezember 1998, E. 5, in: ZBl 101/2000 323 ff.; vgl. auch BGE 121 II 72, 79 f., E. 3; BGer 1C_164/2012 vom 30. Januar 2013, E. 8, in: URP 2013, 113 ff.).

 

2.             Abgrenzungen

 

40. Art. 37 Abs. 2 GSchG ist abzugrenzen: Zum Ersten von Art. 38a GSchG (Revitalisierung). Nach dieser Bestimmung sorgen die Kantone für die Revitalisierung von Gewässern und legen dafür einen Zeitplan fest. Revitalisierung ist die Wiederherstellung der natürlichen Funktionen eines verbauten, korrigierten, überdeckten oder eingedolten oberirdischen Gewässers mit baulichen Massnahmen (Art. 4 Bst. m GSchG; neu eingefügt mit Änderung vom 11. Dezember 2009). Damit sollen die Gewässer naturnaher gestaltet werden. Art. 36a GSchG seinerseits verpflichtet die Kantone, den für die Revitalisierung erforderlichen Raum zur Verfügung zu stellen (Gewässerraum). Art. 38a wie Art. 36a GSchG beschränken sich auf Grundsätze und legen nicht im Detail positiv fest, wie das Gewässer und der Gewässerraum zu gestalten seien. Die Kantone verfügen daher bei der Umsetzung über einen erheblichen Spielraum.

41. Art. 37 GSchG hat demgegenüber einen beschränkten Anwendungsbereich, indem er nur für Fliessgewässer (nicht auch für stehende Gewässer) und nur dann gilt, wenn diese ausnahmsweise verbaut oder korrigiert werden. Der natürliche Verlauf des Gewässers muss nicht zwingend, sondern nur «möglichst» beibehalten oder wiederhergestellt werden. Andererseits sind die Anforderungen an die Gestaltung des Gewässers und des Gewässerraumes konkreter und wohl auch strenger umschrieben, als dies bei Art. 36a und 38a GSchG der Fall ist.

 

3.             Beibehaltung/Wiederherstellung des natürlichen ewässerverlaufs als primäres Ziel (Abs. 2, Satz 1)

 

42. Ein Gewässer kann seine Funktionen im Wasserhaushalt und als Lebensraum umso besser erfüllen, je natürlicher bzw. naturnaher es ist. Abs. 2, Satz 1 trägt diesem Gedanken Rechnung, wenn bestimmt wird, dass bei der Verbauung oder Korrektur eines Gewässers dessen natürlicher Verlauf möglichst beibehalten oder wiederhergestellt werden muss. Wie das BGer ausführte (BGE 122 II 274, Entscheid Wartau, E. 5b), soll mit Art. 37 Abs. 2 GSchG sowie dem gleichlautenden Art. 4 Abs. 2 WBG erreicht werden, dass natürliche und bewaldete Bachläufe als wertvolle Landschaftselemente soweit wie möglich erhalten werden; sind sie bereits beeinträchtigt, soll ihre Renaturierung gefördert werden (vgl. auch Huber-Wälchli/Keller, Rechtsprechung bis 2002, 48).

43. Abs. 2 weist einen engen Zusammenhang mit dem NHG und dem BGF auf (BGer 1A.62/1998 vom 15. Dezember 1998, E. 4a, in: ZBl 101/2000 323 ff.) und verstärkt deren Schutz (BGE 122 II 274, E. 5b). Nach Art. 21 Abs. 2 NHG sorgen die Kantone – soweit es die Verhältnisse erlauben – dafür, dass Ufervegetation dort angelegt wird, wo sie fehlt, oder zumindest die Voraussetzungen für deren Gedeihen geschaffen werden. Art. 7 BGF verpflichtet die Kantone dafür zu sorgen, dass Bachläufe, Uferpartien und Wasservegetationen, die dem Laichen und dem Aufwachsen der Fische dienen, erhalten bleiben (Abs. 1); nach Möglichkeit ergreifen die Kantone Massnahmen zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Wassertiere sowie zur lokalen Wiederherstellung zerstörter Lebensräume (Abs. 2).

44. Abs. 2 gilt grundsätzlich für alle Verbauungen und Korrektionen. Der natürliche Verlauf des Gewässers soll aber nur «möglichst» beibehalten werden oder wieder hergestellt werden. Die Renaturierung ist somit erwünscht, wird aber nicht erzwungen (Botschaft Lebendiges Wasser 2007, 5516; BGE 122 II 274, 284, E. 5a). Vgl. in diesem Sinne auch Verwaltungsgericht GR, Urteil vom 24. Oktober 2006 [R 06 52], E. 3, in: PVG 2006 Nr. 28, betreffend Ufermauer, «Wuhrung»: Die nach dem Unwetter im August 2005 behelfsmässig erstellte, massive Wuhrung widersprach den gesetzlichen Vorgaben nach Art. 37 Abs. 2 GSchG. Sie musste daher im Rahmen der Bachkorrektion zwingend rückgebaut und naturnaher, d.h. auch flacher neu erstellt und bezüglich Fällmaterial und zeitlicher Staffelung so ausgeführt werden, dass in den Zwischenräumen der Wuhrsteine eine Bepflanzung mit Weidenstecklingen gleichzeitig erfolgen kann.

45. Art. 37 Abs. 2 Satz 1 GSchG ist zwingend (dabei «muss» der natürliche Verlauf…), verlangt indessen keine vollständige Wiederherstellung des früheren Gewässerverlaufs, sondern belässt den Vollzugsbehörden einen Spielraum für eine Interessenabwägung im Einzelfall (vgl. auch Urteil BGer 1A.151/2002 vom 22. Januar 2003, E. 5.1). Der natürliche Verlauf des Gewässers ist nur «möglichst» beizubehalten oder wiederherzustellen. Spielraum besteht naturgemäss auch im Umfang und in der Art und Weise einer Beibehaltung oder Wiederherstellung des natürlichen Gewässerverlaufs.

 

4.             Gestaltungsgebote (Abs. 2, Satz 2)

Geltungsbereich
 
46. Bei Verbauungen und Korrektionen von Fliessgewässern soll nicht nur das Gewässer, sondern auch der von den Kantonen gemäss Art. 36a GSchG festgelegte Gewässerraum gemäss den Kriterien von Art. 37 Abs. 2 GSchG gestaltet werden (BBl 2008 8043).

47. Satz 2 stellt hierzu zwingende Anforderungen. Danach müssen Gewässer und Gewässerraum so gestaltet werden, dass sie einer vielfältigen Tier‑ und Pflanzenwelt dienen können, die Wechselwirkungen zwischen ober‑ und unterirdischen Gewässern weitgehend erhalten bleiben und zudem eine standortgerechte Ufervegetation gedeihen kann (Bst. a–c).

48. Im Unterschied zu Satz 1, wonach der natürliche Gewässerverlauf möglichst beizubehalten oder wiederhergestellt werden muss, gewährt Satz 2 der rechtsanwendenden Behörde weit weniger Spielraum («Gewässer und Ufer müssen so gestaltet werden, dass ...»). Daher bestehen diesbezüglich kein Grund und keine Rechtsgrundlage für eine umfassende Interessenabwägung. Eine Bachverbauung, die so wenig naturnah gestaltet ist, dass dafür in einem überbauten Gebiet eine Ausnahmebewilligung nach Art. 37 Abs. 3 GSchG erforderlich wäre, kann nicht in einem nicht überbauten Gebiet aufgrund einer Interessenabwägung zulässig sein (Huber-Wälchli/Keller, Rechtsprechung bis 2002, 49 f., mit berechtigter Kritik an BGer 1A.62/1998 vom 15. Dezember 1998, E. 4d, in: ZBl 101/2000 323 ff. und URP 2000, 648). Zu den Gestaltungsgeboten im Einzelnen:

Einer vielfältigen Tier‑ und Pflanzenwelt als Lebensraum dienen (Bst. a)

49. Die Lebensräume für Tiere und Pflanzen sind sicherzustellen. Gemäss dem Grundsatz, wonach alle den Wasserkreislauf betreffenden Vorkehren in ihrem Zusammenwirken zu betrachten sind, müssen zum Beispiel auch Hochwasserschutzmassnahmen die in Art. 37 Abs. 2 GSchG enthaltenen Anliegen berücksichtigen (BGer 1A.252/1997 und 1P.536/1997 vom 14. April 1998, in: ZBl 2000 92). Die Bestimmung schützt unter anderem die Erhaltung bewaldeter Bachläufe als wertvolle Landschaftselemente (BGE 122 II 274, 284, E. 5 b, auch in URP 1996, 661). Sind sie bereits beeinträchtigt, soll ihre Renaturierung gefördert werden (Hänni, Umweltschutzrecht, 446). Das Gemeinwesen muss auch bei der Renaturierung eines Gewässers (und besonders im Hinblick darauf) diese Anliegen berücksichtigen (Hänni, Umweltschutzrecht, 447).

Wechselwirkungen zwischen ober‑ und unterirdischen Gewässern erhalten (Bst. b)

50. Wechselwirkungen zwischen Oberflächengewässer und Grundwasser sind beispielsweise dann gewährleistet, wenn Gewässersohle und ‑ufer durchlässig bleiben. Der Durchwurzelung des Gewässerufers durch eine Ufervegetation zur Verbesserung des Wasseraustauschs mit dem Grundwasser kommt entscheidende Bedeutung zu (Botschaft GSchG 1987, 1142).

Standortgerechte Ufervegetation gedeihen lassen (Bst. c)

51. Zu einer naturnahen Gewässerverbauung gehört auch die Rücksicht­nahme auf die Ufervegetation (Bst. c). Letztere ist einerseits Schutzobjekt des Natur‑ und Landschaftsschutzes (Element der Landschaftsstruktur, Lebensraum für wassergebundene Landtiere, Bestandteil eines Erholungsgebiets, vgl. Art. 21 NHG; dazu Jenni, Kommentar NHG, Art. 21 N 1 ff.; BGE 122 II 274, 284, E. 5) und andererseits Gegenstand des Gewässerschutzes (Botschaft GSchG 1987, 1142). Die Ufervegetation trägt aber auch zur Stabilisierung und damit zur Verminderung der Erosion von Uferpartien bei. Sie vermindert ausserdem durch Schattenwurf die Veralgung von Gewässern mit grosser Nährstoffbelastung und eine rasche Temperaturerhöhung im Sommer, was sich auch positiv auf die Sauerstoffverhältnisse im Gewässer auswirkt. Überdies bietet sie auch Fischen besseren Schutz vor natürlichen Feinden (Botschaft GSchG 1987, 1142).

52. Nach Art. 22 Abs. 2 NHG kann die zuständige kantonale Behörde indessen die Beseitigung der Ufervegetation in den durch die Wasserbaupolizei‑ oder Gewässerschutzgesetzgebung erlaubten Fällen für standortgebundene Vorhaben bewilligen. Das erlaubt nicht nur im Rahmen einer Revistalisierung (Art. 38a GSchG; vgl. Komm. zu Art. 38a N 20), sondern auch bei der Wiederherstellung des möglichst natürlichen Verlaufs eines Fliessgewässers im Sinne von Art. 37 Abs. 1 Bst. c und Abs. 2 GSchG die ausnahmsweise Beseitigung von Ufervegetation (BGer 1C_544/2013 vom 24. Oktober 2013, E. 3.3, zusammengefasst in: URP 2014, 76). Es ist dabei allerdings für den bestmöglichen Schutz, für die Wiederherstellung oder sonst für den angemessenen Ersatz zu sorgen (Art. 18 Abs. 1ter NHG).

 

C.           Ausnahmen in überbauten Gebieten (Abs. 3)

 

53. In überbauten Gebieten kann die Behörde Ausnahmen von einer naturnahen Verbauung gemäss Abs. 2 – sogenannte «harte» Verbauungen – bewilligen (vgl. Huber-Wälchli/Keller, Rechtsprechung bis 2003, 47 ff.). Ein Abweichen ist aber nur möglich, wenn das Gebiet bereits überbaut ist. Die blosse Zuteilung zur Bauzone reicht nicht aus. Das revidierte Gewässerschutzgesetz soll sicherstellen, dass weitere strukturverändernde Eingriffe in Gewässer möglichst unterbleiben bzw. auf streng begründete Fälle beschränkt werden, dass unerlässliche Eingriffe massvoll und schonend ausgeführt werden und bestehende Beeinträchtigungen, wenn immer möglich, saniert werden (Botschaft GSchG 1987, 1141). Angesichts dieser Zielsetzung können nur solche Gebiete als «überbaut» i.S. von Art. 37 Abs. 3 GSchG bezeichnet werden, in denen eine naturnahe Gestaltung von Gewässerverlauf und Ufer aufgrund der bereits vorhandenen Bebauung nicht möglich ist (BGer 1A.62/1998 vom 15. Dezember 1998, E. 4c; ZBl 2000 323 ff. mit kritischer Anmerkung der Redaktion, auch in URP 2000, 648 ff.; BGer 1C_164/2012 vom 30. Januar 2013, in: URP 2013, 113 ff., E. 8; vgl. auch Hunger, Sanierungspflicht, 295). Nicht verlangt ist andererseits, dass eine «dichte Überbauung» vorliegt, wie sie bei der Anwendung von Art. 36a GSchG (Gewässerraum) Ausnahmen begründen kann.

54. Abs. 3 bestimmt zwar, wo (nämlich in «überbauten» Gebieten), nicht aber unter welchen weiteren Voraussetzungen und in welchem Ausmasse Ausnahmen bewilligt werden können. Den Kantonen bleibt daher ein relativ grosser Ermessensspielraum bei der Gesetzesanwendung. Angesichts der erwähnten Zielsetzung des GSchG rechtfertigt sich ein strenger Massstab.

 

D.           Schaffung künstlicher Fliessgewässer (Abs. 4)

 

55. Jedes Gewässer, das künstlich geschaffen wird (beispielsweise für die Gestaltung von Golfanlagen oder Schaffung einer künstlichen Kanustrecke; Widmer Dreifuss, Sportanlagen, 408) ist Bestandteil des Wasserhaushalts eines Gebiets. Es beeinflusst das Mikroklima und wird auch schnell von einer natürlichen Flora und Fauna besiedelt. Abs. 4 will sicherstellen, dass bei der Schaffung neuer Fliessgewässer nicht nur der qualitative Gewässerschutz, sondern auch die Gestaltungsanforderungen von Abs. 2 beachtet werden. Da künstliche Wasserläufe einer ganz bestimmten Nutzung zugedacht sind, können die ökologischen Aspekte allerdings nicht immer im selben Mass berücksichtigt werden wie bei natürlichen Gewässern (Botschaft GSchG 1987, 1143).

 

 

Résumé

L'art. 37 LEaux s'applique aux cours d'eau naturels ainsi qu'aux cours d'eau déjà aménagés en vertu de l'al. 4 et autorise l'endiguement et la correction des cours d'eau à certaines conditions. Par endiguements et corrections, il faut comprendre la stabilisation, la modification ou le déplacement d'une eau. Il peut s'agir d'interventions ponctuelles ou de mesures complémentaires. Ne tombent pas sous les coups d'endiguement ou de correction, les interventions ponctuelles dont l'objet ne vise pas la stabilisation du lit du cours d'eau comme par ex. les installations portuaires.

La let. a de l'al. 1 de l'art. 37 LEaux permet d'endiguer ou de corriger les cours d'eau si ces interventions s'imposent pour protéger des personnes ou des biens importants et lorsque les mesures d'entretien et de planification ne suffisent pas. Le TF a considéré qu'il n'était pas nécessaire d'être en présence d'un risqué élevé, ni que la correction aboutisse à une forte amélioration de la protection des objets protégés. L'endiguement et la correction sont également possibles lors que ces mesures sont nécessaires à l'aménagement des voies navigables ou l'utilisation des forces hydrauliques dans l'intérêt public (let. b) ou lors de l'aménagement d'une décharge pour autant qu'elles ne puissent être réalisées qu'à l'endroit prévu et qu'elles stockent uniquement des matériaux d'excavation et des déblais de découverte et de percement non pollués. Un cours d'eau peut également être modifié ou endigué si son état s'en trouve alors amélioré (let. c). Les conditions a–c de l'al. 1 sont des conditions alternatives.

L'art. 37 al. 2 LEaux exige que le tracé naturel des cours d'eau soit «autant que possible» respecté ou rétabli. La renaturation est souhaitée mais n'est pas forcée. Cette disposition n'exige en particulier pas de rétablir complètement le tracé antérieur du cours d'eau mais laisse aux autorités d'exécution une marge d'appréciation. De plus, les eaux et l'espace réservé aux eaux doivent être aménagées de façon à pouvoir accueillir une faune et une flore diversifies (let. a), à maintenir les interactions entre eaux superficielles et eaux souterraines (let. b) et à laisser croître une végétation adaptée à la station (let. c). Ces exigences sont cumulatives. Des exceptions à l'al. 2 de l'art. 37 LEaux peuvent être accordées dans les «zones bâties» conformément à l'art. 37 al. 3 LEaux, c'est-à-dire dans les zones qui sont déjà effectivement bâties où un aménagement naturel des eaux et des rives n'est pas possible en raison des constructions existantes.

 

 

Literatur: Griffel Alain (Hrsg.), Vom Wert einer guten Gesetzgebung, Bern 2014 (zit. Gute Gesetzgebung); Hänni Peter, Planungs‑, Bau‑ und besonderes Umweltschutzrecht, 5. Aufl., Bern 2008 (zit. Umweltschutzrecht); Widmer Dreifuss Thomas, Planung und Realisierung von Sportanlagen – Raumplanerische, baurechtliche und umweltrechtliche Aspekte beim Bau und der Sanierung von Sportanlagen, Zürich 2002 (zit. Sportanlagen).

 

 

Materialien und amtliche Publikationen: Botschaft zur Volksinitiative «Lebendiges Wasser (Renaturierungs-Initiative)» vom 27. Juni 2007, BBl 2007 5511 ff. (zit. Botschaft Lebendiges Wasser 2007); Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie des Ständerates (UREK-S), Standesinitiative Gewässerschutzgesetz. Teilrevision – Bericht der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie des Ständerates vom 3. September 2012, BBl 2012 9407 ff. (zit. Bericht UREK-S Standesinitiative Teilrevision GSchG 2012); Stellungnahme des Bundesrates vom 7. November 2012, Standesinitiative Gewässerschutzgesetz. Teilrevision – Bericht der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie des Ständerates vom 3. September 2012, BBl 2012 9415 ff. (zit. Stellungnahme BR Teilrevision).