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Art. 52 GSchG - Art. 52 LEaux

Errass Christoph  

 

 

​Duldungs‑ und Schweigepflicht

1         Die Behörden des Bundes und der Kantone können Erhebungen an privaten und öffentlichen Gewässern durchführen. Sie können die dazu notwendigen Einrichtungen erstellen und Anlagen kontrollieren. Die Grundeigentümer und die Inhaber der Anlagen müssen den damit betrauten Personen den Zutritt gewähren und ihnen die erforderlichen Auskünfte erteilen.

2         Die mit dem Vollzug dieses Gesetzes beauftragten Personen sowie Experten und Mitglieder von Kommissionen und Fachausschüssen unterstehen dem Amtsgeheimnis.

3         … (Aufgehoben durch Art. 2 Ziff. 2 des BB vom 27. Sept. 2013 [Aarhus-Konvention], mit Wirkung seit 1. Juni 2014 [AS 2014 1021; BBl 2012 4323]).

Libre accès et maintien du secret

1         Les services fédéraux et cantonaux peuvent effectuer des relevés dans les eaux privées et dans les eaux publiques. Ils peuvent aménager les équipements nécessaires à cet effet et procéder au contrôle des installations. Les propriétaires fonciers et les détenteurs des installations sont tenus d'accorder le libre accès aux personnes chargées de ces tâches et de leur fournir les renseignements nécessaires.

2         Les personnes chargées de l'application de la présente loi, de même que les experts et les membres de commissions et de groupes de travail, sont soumis au secret de fonction.

3         … (Abrogé par l'art. 2 ch. 2 de l'AF du 27 sept. 2013 [Conv. d'Aarhus], avec effet au 1er  juin 2014 [RO 2014 1021; FF 2012 4027]).

Obbligo di tollerare e obbligo del segreto

1         Le autorità federali e cantonali possono procedere a rilevamenti sulle acque private e pubbliche. Possono predisporre le installazioni necessarie a tale scopo e procedere al controllo degli impianti. I proprietari di fondi e i detentori degli impianti devono permettere l'accesso alle persone incaricate dell'esecuzione di questi compiti e fornire loro le informazioni necessarie.

2         Le persone incaricate dell'esecuzione della presente legge, gli esperti e i membri di commissioni e comitati tecnici sono tenuti al segreto d'ufficio.

3         … (Abrogato dal l'art. 2 n. 2 del DF del 27 set. 2013 [Convenzione di Aarhus], con effetto dal 1° giu. 2014 [RU 2014 1021; FF 2012 3841]).

 

Inhaltsübersicht

Entstehungsgeschichte1
II.   ​Allgemeine Bemerkungen3
III.  Kommentierung10
A.Erhebungen an Gewässern; Duldungs‑ und Auskunftspflicht (Abs. 1)11
1.Durchführung von Erhebungen (Satz 1)11
​2.«Mittel» für Erhebungen (Satz 2)18
​3.Duldungs‑ und Auskunftspflicht (Satz 3)20
​4.Nemo tenetur se ipsum accusare30
​B.Schweigepflicht (Abs. 2)31

 

 

I.              Entstehungsgeschichte

 

 

1. Art. 52 Abs. 1 GSchG 1991 entspricht beinahe wörtlich dem bundesrätlichen Art. 51 Abs. 1 E-GSchG 1987: «durchführen» statt «vornehmen» und «Anlagen kontrollieren» statt «Kontrollen von Anlagen durchführen» sind die Differenzen. Art. 52 Abs. 2 GSchG 1991 weist gegenüber Art. 51 Abs. 2 E-GSchG 1987 keine Abweichungen auf. Der bundesrätliche Entwurf von Art. 51 E-GSchG 1987 stimmte inhaltlich mit Art. 6 GSchG 1971 überein; er wurde allerdings an den Aufbau des USG angepasst, da der Gewässerschutz einen Teilbereich des Umweltschutzes darstelle (vgl. Botschaft GSchG 1987, 1083, 1150). Art. 6 GSchG 1971 übernahm inhaltlich Art. 11 GSchG 1955. Die beiden Absätze gaben in den parlamentarischen Beratungen keinen Anlass zu Diskussionen (AB 1988 S 662; AB 1989 N 1080).

2. Art 52 Abs. 3 GSchG 1991 wurde von der nationalrätlichen Kommission als Abs. 2bis vorgeschlagen (AB 1989 N 1080). Der vom Nationalrat über-nommene Abs. wurde vom Ständerat in der zweiten Beratung gestrichen (AB 1989 S 729). Nachdem der Nationalrat an seinem Abs. festgehalten hatte (AB 1990 N 599), folgte ihm der Ständerat (AB 1990 S 400). Abs. 3 wurde mit dem BB über die Genehmigung und die Umsetzung der Aarhus-Konvention und von deren Änderung vom 27. September 2013 (AS 2014 1021) «aufgrund des engen Sachzusammenhangs in Art. 50 GSchG integriert» (Botschaft Aarhus-Konvention 2012, 4357). Materiell gab es zu Abs. 3 in den parlamentarischen Beratung keine Diskussionen (vgl. AB 2013 N 15; AB 2013 S 720 ff.). Art. 52 Abs. 3 GSchG 2013 ist seit dem 1. Juni 2014 aufgehoben.

 

 

II.           Allgemeine Bemerkungen

 

 

3. Daten verschiedenster Art sind für die Umsetzung des Gewässerschutz-rechts wichtig (s.a. Brunner, Kommentar USG, Art 44 N 1 ff., 10 ff.; Botschaft GSchG 1954, 342): Daten als Voraussetzung für die Erteilung einer Bewilligung; Daten, mit welchen im Rahmen der Aufsicht überprüft werden soll, ob die einzelnen Anlagen den (verfügten) Vorgaben des GSchG entsprechen; Daten, mit deren Veröffentlichung die Bürger für die Durchsetzung des Rechts mobilisiert werden sollen («Bürger als Vollzugsarm der Verwaltung»; siehe dazu etwa die PRTR-V); Daten für die Prüfung der Auswirkungen der Massnahmen und für die Feststellung des Gewässer-zustands (Art. 50 Abs. 1 GSchG), womit u.a. auch der Überprüfung der Wirksamkeit nach Art. 170 BV nachgekommen wird; Daten für die Grundlagenbeschaffung (Art. 57 ff. GSchG).

4. Mit der Beteiligung der Schweiz an der Europäischen Umweltagentur und dem Europäischen Informations‑ und Umweltbeobachtungsnetz (vgl. Abkommen Umweltagentur und EIONET) hat sich die Schweiz verpflichtet, regelmässig Umweltdaten an die Europäische Umweltagentur zu liefern (siehe dazu etwa Bellanger/Défago Gaudin, Commentaire LPE, Art. 44 N 3). Eine freiwillige Datenlieferung erfolgt zudem etwa bei Badegewässer (vgl. hierzu BAFU/BAG, Beurteilung Badegewässer, 12). Insofern sind auch diesbezüglich Daten zu erheben. Daneben hat sich die Schweiz verpflichtet, Umweltdaten für weitere Programme zu liefern (dazu etwa Bellanger/
Défago Gaudin, Commentaire LPE, Art. 44 N 3).

5. Datenbeschaffung berührt Grundrechtspositionen (z.B. Eigentumsgarantie): Art. 52 GSchG, der u.a. mit Duldungspflicht überschrieben ist, bildet die gesetzliche Grundlage zum Eingriff in diese Grundrechte (Abs. 1; Art. 36 Abs. 1 BV). Er bezeichnet umgekehrt auch die staatliche, gesetzliche Grundlage (Art. 5 Abs. 1 BV) für die Datenbeschaffung – dies zeigt sich besonders deutlich im ersten Satz von Abs. 1, wenn nur Erhebungen an öffentlichen Gewässern betroffen sind.

6. Im Verwaltungsverfahren verpflichtet Art. 13 Abs. 1 VwVG die Parteien zur Mitwirkung bei der Feststellung des Sachverhalts. Darunter fallen vor allem die Auskunftspflicht, die Pflicht zur Herausgabe von Akten und die Pflicht zur Duldung von Augenscheinen (vgl. z.B. Kölz/Häner/Bertschi, Verwaltungsverfahren, N 463). Die Mitwirkung betrifft nur Verfahren, welche die Parteien durch ihre Begehren einleiten oder worin sie selbständige Begehren stellen (Art. 13 Abs. 1 Bst. a und b VwVG). Die Mitwirkungspflicht gilt zudem nur für solche Tatsachen, welche die Privaten besser kennen als die Behörden und welche diese ohne ihre Mitwirkung gar nicht oder nicht ohne vernünftigen Aufwand erheben können (vgl. BGE 128 II 139, E. 2b). Für weitergehende Mitwirkungspflichten bedarf es einer ausdrücklichen gesetzlichen Grundlage (Art. 13 Abs. 1 Bst. c VwVG). Art. 52 Abs 1 GSchG bildet eine solche (zur parallelen Vorschrift im USG vgl. Brunner, Kommentar USG, Art. 46 N 3). Er ist zudem im Rahmen der behördlichen Beweisbeschaffung (Art. 12 VwVG: Untersuchungsmaxime) auch Grundlage für die zusätzliche Beweisbeschaffung im Herrschafts-bereich der Privaten (vgl. BGer 1C_43/2007 vom 9. April 2008, E. 4), auch wenn Art. 52 Abs. 1 GSchG primär als ein aufsichtsrechtliches Zwangs-instrument konzipiert ist (vgl. Kiener/Rütsche/Kuhn, Verfahrensrecht, N 683). Art. 52 Abs. 1 GSchG bildet sodann im Rahmen der Aufsicht Grund-lage, um an Beweise im Herrschaftsbereich von Privaten zu gelangen (vgl. Kiener/Rütsche/Kuhn, Verfahrensrecht, N 683).

7. Im Rahmen von Art. 46 USG wurde vom Bundesrat die Auskunftspflicht mit der Kooperationspflicht in Verbindung gebracht (vgl. hierzu Brunner, Kommentar USG, Art. 46 N 2a; Botschaft USG 1979, 819 zu Art. 40 USG; siehe auch Bellanger/Défago Gaudin, Commentaire LPE, Art. 46 N 2), denn Umweltschutz ist grundsätzlich nur dann effektiv, wenn Staat und Private zusammenarbeiten. «Gewässerschutz ist ein Teilbereich des Umweltschutzes» (Botschaft GSchG 1987, 1083), und insofern trifft diese Aussage auch auf den Gewässerschutz zu (als Vorläufer kann Art. 2 Abs. 4 Satz 1 GSchG 1955 betrachtet werden, welcher in späteren Erlassen nicht mehr aufgenommen wurde [dazu Botschaft GSchG 1970, 439]).

8. Während Abs. 1 von der Datenbeschaffung handelt, bezieht sich Abs. 2 nur zum Teil darauf; mit der Schweigepflicht – dem zweiten «Stichwort" der Überschrift – sollen alle Personen, die mit dem Vollzug des GSchG beauf-tragt sind, dem Amtsgeheimnis unterstellt werden – Mitglieder von Behörden, Kommissionen oder Fachausschüssen, Beauftragte.

9. Art. 52 GSchG ist eine besondere Bestimmung über den Vollzug – wie auch der 3. Abschnitt des Vollzugskapitels ausdrücklich festhält. Er betrifft insofern grundsätzlich Bundes‑ und kantonaler Vollzug.

 

 

III.        Kommentierung

 

 

A.           Erhebungen an Gewässern; Duldungs‑ und Auskunftspflicht (Abs. 1)

 

10. Der erste Absatz regelt in einem «Dreischritt» die Erhebungen an Gewässern. Die Behörde wird erstens verpflichtet und berechtigt, Erhebungen durchzuführen. Dazu sind zweitens u.a. notwendige Einrichtungen zu erstellen oder Anlagen zu kontrollieren. Die Erstellung von Einrichtungen und die Kontrolle von Anlagen berührt Grundrechtspositionen von Grundeigentümern und von Anlageinhabern; diese haben den Behörden drittens den Zutritt zu gewähren und Auskünfte zu erteilen.

 

1.             Durchführung von Erhebungen (Satz 1)

 

11. Die ersten beiden Sätze bilden gesetzliche Grundlage für staatliches Handeln i.S. von Art. 5 Abs. 1 BV. Sie sind zugleich auch die Rechtsgrundlagen i.S. von Art. 17 DSG für das Bearbeiten von Personendaten i.S.v. Art. 3 Bst. e DSG.

12. Die Behörden des Bundes und der Kantone können Erhebungen an Gewässern durchführen. Behörden sind jeweils die sachlich, örtlich und funktional zuständigen Verwaltungsträger des Bundes und der Kantone. Entsprechend Art. 45 GSchG sind vor allem die Kantone angesprochen; dabei kann sich eine Koordination nach Art. 46 GSchV aufdrängen. Auch wenn auf Seiten des Bundes neben dem Bundesamt für Umwelt (Art. 48 und 49 Abs. 2 GSchG) auch andere Bundesbehörden zuständig sind, sofern diese ein anderes Bundesgesetz oder einen Staatsvertrag vollziehen (Art. 48 GSchG; dazu Komm. zu Art. 48 GSchG), dürfte angesichts des notwendigen Wissens nur die Gewässerschutzfachstelle des Bundes (Art. 49 Abs. 2 GSchG) in der Lage sein, die notwendigen methodisch korrekten und damit «beweiskräftigen» Erhebungen durchzuführen (vgl. auch Art. 48 GSchV); es geht um die Kontrolle durch «sachkundige Organe» – wie die Botschaft GSchG 1954 zutreffend festhält (Botschaft GSchG 1954, 342). Behörden sind zudem die nach Art. 49 Abs. 3 GSchG vom Bund oder von den Kantonen beigezogenen öffentlich-rechtlichen Körperschaften und Privaten; Art. 49 Abs. 3 GSchG nennt ausdrücklich die Kontrolle und die Überwachung.

13. «Erhebungen bestehen im systematischen Erfassen, Verfolgen, Untersuchen und Bewerten einzelner oder mehrerer Faktoren bzw. Bereiche [der Gewässer] und ihrer Belastung» (Brunner, Kommentar USG, Art. 44 N 10; Hervorhebung durch Autor; siehe auch Bellanger/Défago Gaudin, Commentaire LPE, Art. 44 N 8 ff.). Je nach Zweck sind die Erhebungen einmalig, periodisch, stichprobenweise oder dauerhaft (z.B. Messung des Pegelstandes; Mengenmessungen [Art. 11 Abs. 1 GSchG 1955]); die Häufigkeit der Erhebungen ergibt sich aus dem GSchG bzw. der GSchV oder aus einer behördlichen Anordung im Einzelfall (vgl. Art. 48 Abs. 2 GSchV). Erhebungen betreffen zum einen konkrete Ereignisse (Wasserverunreinigung wegen mangelnder Funktionstüchtigkeit einer Düngeraufbereitungsanlage), zum anderen flächendeckende Erhebungen (Umweltmonitoring). Diese lassen sich in zwei Gruppen einteilen: bei der ersten weiss man, wonach man sucht (bestimmte chemische Verbindung in Gewässern), bei der zweiten dagegen nicht (als Bsp. können Art. 50 bzw. Art. 51 FrSV genannt werden). Die Erhebungsmethoden sind Beobachtungen (Zählen, Messungen, Analyse, Berechnungen, Modellierungen), d.h. die naturwissenschaftliche Methode, mit welcher u.a. das Sein festgestellt wird; sodann fallen auch Auskünfte nach Art. 52 Abs. 1 in fine GSchG darunter; schliesslich sind nach dem breiten Erhebungsbegriff des GSchG auch Bewertungen (d.h. normative Aussagen) gemeint. Als Beispiel einer Erhebung ist das vorgeschriebene Vorgehen der Behörden bei verunreinigten Gewässern zu nennen (Art. 47 Abs. 1 Bst. a–c GSchV): Stellt die Behörde fest, dass ein Gewässer die Anforderungen an die Wasserqualität nach Anhang 2 nicht erfüllt oder dass die besondere Nutzung des Gewässers nicht gewährleistet ist, so ermittelt und bewertet sie die Art und das Ausmass der Verunreinigung (Bst. a), ermittelt sie die Ursachen der Verunreinigung (Bst. b), beurteilt sie die Wirksamkeit der möglichen Massnahmen (Bst. c). Die Erhebungen (Untersuchungen und Ermittlungen) richten sich nach den anerkannten Regeln der Technik (Art. 48 Abs. 1 GSchV); anerkannte Regeln der Technik bezeichnen das, was nach Auffassung der Mehrheit der auf dem fraglichen Gebiet tätigen Fachleute richtig ist, im Schrifttum beschrieben und an entsprechenden Fachschulen gelehrt wird und gleichzeitig in der Praxis bewährt ist (dazu grundlegend Marburger, Regeln, 145 f.; siehe auch Seiler, Technische Risiken, 160); vielfach sind es Normen privater Normenorganisationen (so etwa Art. 48 Abs. 1 GSchV). Die Gewässerschutzfachstelle des Bundes hat alleine oder mit anderen Bundesämtern und/oder Fachstellen verschiedene Methoden-anleitungen für die Untersuchungen und Beurteilungen von Gewässern herausgegeben (vgl. z.B. BAFU/EAWAG, Beurteilung Seen, passim; BAFU/BAG, Beurteilung Badegewässer, passim).

14. Die Erhebungen sind «zum Zwecke des Gewässerschutzes notwendig […]» (Art. 6 Abs. 1 GSchG 1971), mithin um «die Gewässer vor nachteiligen Einwirkungen zu schützen» (Art. 1 Abs. 1 GSchG). Es soll damit letztlich sichergestellt werden, dass die im zweiten Titel des GSchG aufgeführten Vorschriften und die darauf abgestützten Verfügungen von den Rechtsunterworfenen beachtet werden, denn «[d]em Gesetz wird nur dann Erfolg beschieden sein können» (Botschaft GSchG 1954, 342). Angesprochen ist somit vor allem die Aufsicht; daneben ist – wie bereits erwähnt – auch das Bewilligungsverfahren betroffen. Erhebungen nach Art. 52 GSchG sind sodann auch Erhebungen für die Grundlagenbeschaffung nach Art. 57 ff. GSchG, da Art. 52 GSchG die notwendige Grundlage für Eingriffe in die Privatsphäre darstellt.

15. Erhebungen sind an Gewässern und nicht nur in Gewässern durchzuführen. Gewässerschutz ist umfassender Gewässerschutz (vgl. Botschaft GSchG 1987, 1085) und hat deshalb nicht nur die Reinhaltung der Gewässer, sondern auch die Verhinderung anderer nachteiliger Einwirkungen im Blick (Eindolung, Begradigung, Verbauung, Verlust der natürlichen oder naturnahen Art der Gewässer [vgl. Botschaft GSchG 1987, 1074, 1084, 1092 f.]); insofern ist es naheliegend, dass auch an Gewässern Daten erhoben werden (Anzahl der Eindolung, der Renaturierung; s.a. die Definition von oberirdischen Gewässern nach Art. 4 Bst. a GSchG). Sodann lassen Daten aus bzw. von Anlagen oder Einrichtungen an Gewässern oder von landwirtschaftlich bewirtschaftetem Land Rückschlüsse für den Vollzug zu (siehe z.B. BGer 1C_43/2007 vom 9. April 2008).

16. Gewässer sind ober‑ und unterirdische Gewässer (Art. 2 GSchG i.V.m. Art. 4 Bst. a und b GSchG; dazu Komm. zu Art. 4 GSchG). Erhebungen können an privaten und öffentlichen Gewässern durchgeführt werden. Private Gewässer sind Quellen von beschränkter Mächtigkeit und lokale Grundwasservorkommen (Art. 704 ZGB; BGE 97 II 333); alle anderen ober‑ und unterirdischen Wasservorkommen gelten als öffentliche Gewässer (vgl. Druey Just/Caviezel, Wasserrechte, 1632 ff.; Tschannen/Zimmerli/
Müller, Verwaltungsrecht, § 51 N 49; Rüegger, Wasserzugang, 22 ff.); dies kann auch Wasservorkommen auf privatem Grund (z.B. Überflutung: BGE 95 I 243, E. 2; s.a BGE 106 II 311, E. 3) betreffen. Ausschlaggebend sind die kantonalen Gesetzgebungen gestützt auf Art. 76 Abs. 4 BV (vgl. etwa Rüegger, Wasserzugang, 10 f.; Druey Just/Caviezel, Wasserrechte, 1634 f.).

17. Die Behörden können Erhebungen durchführen. Mit der «Kann-Formulierung» wird ein Rechtsfolgeermessen angezeigt. Damit wird den Verwaltungsbehörden bei der Anordnung von Rechtsfolgen ein Handlungsspielraum eingeräumt (vgl. Tschannen/Zimmerli/Müller, Verwaltungsrecht, § 26 N 3). Ermessen ist pflichtgemäss, d.h. verfass-ungs‑ und gesetzeskonform, auszuüben; zudem ist besonders auf Sinn und Zweck der gesetzlichen Ordnung und die dort angelegten öffentlichen Interessen zu achten (vgl. Tschannen/Zimmerli/Müller, Verwaltungsrecht, § 26 N 11). «Kann» kann deshalb durchaus auch «Muss» bedeuten, was insbesondere Art. 57 und 58 GSchG, wonach der Bund bzw. die Kantone Erhebungen durchführen müssen, ausdrücklich festhalten.

 

2.             «Mittel» für Erhebungen (Satz 2)

 

18. Damit Erhebungen durchgeführt werden können, sind allenfalls notwendige Einrichtungen zu erstellen (Art. 52 Abs. 1 Satz 2 GSchG). Notwendig sind Einrichtungen dann, wenn nur damit methodisch korrekte Erhebungen durchgeführt werden können («die dazu notwendige[n] Einrichtungen»); damit wird dem Verhältnismässigkeitsprinzip Nachachtung verschafft. Einrichtungen sind keine Anlagen: dies ergibt sich zum einen aus dem Wortlaut und belegen zum anderen unzählige Bestimmungen des GSchG, die jeweils zwischen Anlagen und Einrichtungen unterscheiden; so z.B. Art. 15 GSchG Marginalie, der von der Kontrolle von Anlagen und Einrichtungen handelt (s.a. Art. 16 Bst. d, Art. 61 Abs. 1 Bst. a und b , Art. 62, 64a, 84 GSchG). Anlagen sind Bauten und andere ortfeste Einrichtungen, während Einrichtungen nicht ortfest sind, wie bspw. Lagereinrichtungen, d.h. die Einrichtung einer Anlage, oder mobile Messstationen (vgl. Art. 14 Abs. 3 GSchG; s.a. Art. 7 Abs. 7 USG [zur Übernahme der USG-Terminologie Botschaft GSchG 1987, 1084]).

19. Anlagen bzw. der Umgang in Anlagen können bzw. kann auf Gewässer nachteilig einwirken (als Bsp. vgl. das Kupferdach des KKL [BGer 1C_43/2007 vom 9. April 2008]). Ob und inwiefern dies zutrifft, ist an Ort und Stelle zu prüfen; dabei werden Daten erhoben. Allerdings können nur die für die Erhebungen an privaten und öffentlichen Gewässern notwendigen Anlagen kontrolliert werden. Die Passage «die dazu notwendige[n]» bezieht sich m.E. nicht nur auf Einrichtungen, sondern auch auf die Anlagen. Nur für die Erhebung notwendige Anlagen sind zu kontrollieren – Ausdruck des Verhältnismässigkeitsprinzips.

 

3.             Duldungs‑ und Auskunftspflicht (Satz 3)

 

20. Erstellt die Behörde für ihre Erhebungen Einrichtungen oder kontrolliert sie Anlagen, so werden damit Grundrechtspositionen von Grundeigentümern oder Anlageninhabern berührt. Nach Art. 52 Abs. 1 Satz 3 GSchG müssen die Grundeigentümer und die Inhaber der Anlagen den mit den Erhebungen betrauten Personen Zutritt gewähren und diesen die erforderlichen Auskünfte erteilen. Art. 52 Abs. 1 Satz 3 GSchG bildet die notwendige Grundlage, um in Grundrechtspositionen (z.B. Art. 26, 13 Abs. 2 BV) einzugreifen. Im Verbund mit den ersten beiden Sätzen, wonach Erhebungen nur zum Zweck des Gewässerschutzes durchgeführt werden dürfen, besteht zudem auch ein öffentliches Interesse zum Eingriff. Der einzelne Eingriff muss zudem verhältnismässig (geeignet, erforderlich, zumutbar) sein.

21. Adressat von Art. 52 Abs. 1 Satz 3 GSchG ist einerseits der Grundeigentümer und andererseits der Inhaber der Anlage. Diese sind Verpflichtete. Grundeigentümer sind zum einen private (natürliche oder juristische) Personen, zum anderen der Staat. In Bezug auf Grundeigentümer sind mehrere Konstellationen zu unterscheiden:

·       Quellen von beschränkter Mächtigkeit und lokale Grundwasser-vorkommen sind private Gewässer; sie sind Bestandteile der Grundstücke und können nur zugleich mit dem Boden, dem sie entspringen, zu Eigentum erworben werden (Art. 704 Abs. 1 ZGB; Tschannen/Zimmerli/Müller, Verwaltungsrecht, § 51 N 49);

·       Grundeigentümer ist auch ein Privater, auf dessen Grundstück ein Gewässer i.S. von Art. 704 Abs. 1 ZGB ist, das allerdings durch den Kanton zu einem öffentlichen Gewässer erklärt worden ist (BGE 95 I 243​);

·       Grundeigentümer ist bei öffentlichen Gewässern i.d.R. der Staat (Art. 664 Abs. 2 ZGB);

·       Grundeigentümer sind auch Eigentümer von Grundstücken an Gewässern (sog. See‑ oder Flussanlieger [dazu Tschannen/Zimmerli/Müller, Verwaltungsrecht, § 51 N 59]).

22. Inhaber ist die natürliche oder juristische Person, welche die Anlagever-hältnisse bestimmt und verantwortet. Inhaber einer Anlage ist somit, wer tatsächlich und rechtlich in der Lage ist, den durch das Gesetz vorgesehenen Verpflichtungen nachzukommen. Inhaber sind:

·       Grundeigentümer (Art. 674 ZGB);

·       Mieter (siehe etwa den Sachverhalt in BGE 113 Ib 62) oder Pächter von Betrieben, die Anlagen umfassen (vgl. etwa Art. 14 GSchG; siehe dazu BGE 137 II 182, E. 3.4.2);

·       Konzessionsnehmer und Dienstbarkeitsberechtigter.

23. Berechtigte sind die mit der Anlagekontrolle oder der Erstellung von Einrichtungen betrauten Personen; diesen ist Zutritt zu den Grundstücken bzw. zu den Anlagen zu gewähren. Die betrauten Personen sind die Personen der bereits oben aufgeführten sachlich, örtlich und funktional zuständigen Verwaltungsträger des Bundes und der Kantone sowie die nach Art. 49 Abs. 3 GSchG vom Bund oder von den Kantonen beigezogenen öffentlich-rechtlichen Körperschaften und Privaten. Es sind die Personen, die die einzelnen Erhebungen durchführen bzw. die einzelnen Anlagen kontrollieren.

24. Grundeigentümer und Inhaber von Anlagen werden direkt durch Gesetz (Art. 52 Abs. 1 GSchG) verpflichtet. Für die Auskünfte bedarf es allerdings noch der Konkretisierung einerseits durch Verfügungen (vgl. BGer 1C_43/2007 ​vom 9. April 2008, E. 4), andererseits durch Verordnungs-vorschriften. Diese sind teilweise als Verhaltensvorschriften formuliert (z.B. Art. 14 Abs. 2 GSchV [Meldungen über den Betrieb]; Art. 17 GSchV [Meldung ausserordentlicher Ereignisse]) oder sind wiederum durch Verfügung zu konkretisieren (Art. 14 Abs. 1 GSchV: «Die Inhaber von Betrieben, die Industrieabwasser in die öffentliche Kanalisation einleiten, und die Inhaber von Abwasserreinigungsanlagen, die Abwasser in die öffentliche Kanalisation oder in ein Gewässer einleiten, müssen der Behörde nach deren Anordnungen melden […]» [Hervorhebung des Autors]). In der Regel bedarf es für den Zutritt keiner Konkretisierung durch Verfügungen (Ausnahme etwa bei unbewohnten geschlossenen Anlagen). Verfügungen von Behörden nach Art. 1 VwVG richten sich nach dem VwVG, solche von kantonalen Behörden nach dem jeweiligen kantonalen Verwaltungs-verfahrensrecht. Dabei sind auch die verfassungsrechtlichen Vorgaben (z.B. Art. 29a, 29 Abs. 2 BV) zu berücksichtigen.

25. Damit notwendige Einrichtungen erstellt und Anlagen kontrolliert werden können, haben die Grundeigentümer und die Inhaber den Berechtigten Zutritt zu gewähren. «Zutritt gewähren» meint den ungehinderten Zutritt in die Räumlichkeiten bei Anlagen oder auf die Grundstücke bzw. auf und an die Gewässer. Der Zutritt ist zu dulden. Mit der Gewährung des Zutritts zu den Anlagen und zu den Grundstücken können die Behörden selber die notwendigen Erhebungen durchführen. Einfacher und – je nach Konstellation – verhältnismässiger ist allerdings, die erforderlichen Auskünfte einzuholen.

26. Erforderliche Auskünfte sind aufgrund der Übernahme der Terminologie des Umweltschutzgesetzes (vgl. Botschaft GSchG 1987, 1084) und mit Blick auf die gleiche Passage in Art. 46 USG weit zu verstehen (vgl. BGer 1C_43/2007 vom 9. April 2008, E. 4.2). Auskünfte sind Angaben aller Art (z.B. Abwasserproben nach Art. 13 Abs. 3 Bst. b GSchV), enthalten Informationen und machen eine Aussage über Messungen, Werte, Beobachtungen oder (auch zukünftige) Befunde (z.B. Machbarkeitsstudie [vgl. BGer 1C_43/2007 vom 9. April 2008, E. 4]; Brunner, Kommentar USG, Art. 46 N 13; Bellanger/Défago Gaudin, Commentaire LPE, Art. 46 N 9). Auskünfte können auch in Verzeichnissen oder in Wasserproben enthalten sein, zu deren Führung bzw. Aufbewahrung Inhaber und Grundeigentümer durch generell abstrakten Erlass verpflichtet werden (vgl. Art. 13 Abs. 3 Bst. b, Art. 21 GSchV). Auskünfte können auch Personendaten i.S. von Art. 3 Bst. a DSG umfassen; für deren Bearbeitung ist daneben das DSG zu beachten (für den sachlichen Geltungsbereich s. Art. 2 Abs. 2 Bst. c DSG).

27. Auskünfte können schriftlich, mündlich, in elektronischer Form oder in Papier verlangt werden; sie können bzw. müssen einmalig, periodisch (z.B. Art. 4 PRTR-V) oder auf Verlangen (z.B. Art. 21 Abs. 1 GSchV) erteilt werden; sind die Auskünfte ungenügend, so können ergänzende Auskünfte oder – ohne spezielle Erwähnung – Abklärungen verlangt werden (z.B. Machbar-keitsstudie [vgl. BGer 1C_43/2007 ​vom 9. April 2008, E. 4]; zum Ganzen Brunner, Kommentar USG, Art. 46 N 13a f.). Auskünfte sind nur zu erteilen, wenn sie für die Erfüllung der Vorgaben des GSchG (vgl. Botschaft GSchG 1954, 343) erforderlich sind.

28. Sind die Adressaten aus zeitlichen, technischen, organisatorischen oder anderen Gründen ungeeignet oder unfähig (auch aus einer ex ante Sicht), die für den Vollzug notwendigen Auskünfte zu erteilen, so erheben die Behörden mit ihren erstellten Einrichtungen oder durch eine eigene Anlagekontrolle die notwendigen Daten. Die Grundeigentümer und Inhaber haben deshalb – wie der Gesetzestext festhält – Zutritt zu gewähren. Dabei wandelt sich die Auskunftspflicht in eine Duldungspflicht. Insofern stellt Satz 3 bereits eine verhältnismässige Rangordnung von Massnahmen für die Datenerhebung auf. Die Kosten werden nach dem Verursacherprinzip dem Verursacher überbunden (siehe Komm. zu Art. 3a GSchG, 55 GSchG).

29. Grundeigentümer und Inhaber haben nur dann Auskünfte zu erteilen und Zutritt zu gewähren, wenn dies für den Vollzug i.e.S. und i.w.S. des GSchG notwendig ist. Begehren für Auskünfte bzw. für Zutritte sind nicht stattzugeben, wenn die Auskünfte bzw. der Zutritt keine Vollzugsrelevanz aufweisen; massgebend ist dabei der Gesetzeszweck (Art. 1 GSchG) bzw. der Zweck der Norm, auf den sich die Auskunft stützt.

 

4.             Nemo tenetur se ipsum accusare

 

30. Die verwaltungsrechtliche Pflicht der Auskunftserteilung kann mit dem strafprozessualen Schweigerecht kollidieren (vgl. Seiler, Missverhältnis, 13 f.; Roth, nemo tenetur, N 33 in fine; Benedick, Aussagedilemma, passim; Gless, nemo tenetur, passim und insbes. 728; Geth, Mitwirkungspflichten, passim; BGE 140 II 384, E. 3.3 [dazu Fellmann/Vetterli, nemo tenetur, passim; Roth, Zum Zweiten, passim]; BGE 131 IV 36, E. 3.1). Stellt beispielsweise die Behörde bei einer Kontrolle fest, dass ein Seeanstösser feste Stoffe entgegen den Vorgaben der Bewilligung in Seen eingebracht hat (Art. 39 GSchG), so ist dieser verpflichtet bei der Sachverhaltsfeststellung nach Art. 13 VwVG mitzuwirken; gleichzeitig macht er sich nach Art. 70 Abs. 1 Bst. f GSchG strafbar. Es stellt sich deshalb die Frage, ob die im Verwaltungsverfahren durch die Auskünfte erhaltenen Informationen für das Strafverfahren verwertet werden dürfen; dem steht vor allem das strafprozessuale Schweigerecht entgegen. «Nach der Praxis des EGMR ist [allerdings] nicht jede Pflicht unzulässig, Informationen zur Verfügung stellen zu müssen, die auch eine Strafsanktion nach sich ziehen können» (BGE 140 II 384, E. 3.3.2). Im Übrigen erweist sich das Case Law des EGMR nicht in allen Punkten als widerspruchsfrei (Roth, Mitwirkungspflichten, 310 ff.; Roth, nemo tenetur, N 14 ff.; Gless, nemo tenetur, 728 f., 733; Geth, Mitwirkungspflichten, 153 ff.; BGE 140 II 384, E. 3.3.3 f. mit weiteren Hinweisen). Es ist deshalb jeweils im Einzelfall zu prüfen, inwiefern verwaltungsrechtliche Auskünfte im Strafverfahren verwendet werden können (BGE 140 II 384​, E. 3.3.3 f. mit weiteren Hinweisen; Roth, nemo tenetur, N 33 ff.; Gless, nemo tenetur, 731 ff.; Geth, Mitwirkungspflichten, 156 ff., insbes. 159 ff.). Allerdings wäre der Gesetzgeber primär gehalten, entsprechende Lösungen zu implementieren (vgl. etwa Gless, nemo tenetur, 732, 734; Geth, Mitwirkungspflichten, 157).

 

B.            Schweigepflicht (Abs. 2)

 

31. Korrelat der in Abs. 1 behandelten Auskunftspflicht ist das Amtsgeheimnis bzw. die allgemeine Schweigepflicht (vgl. Brunner, Kommentar USG, Art. 46 N 28). Art. 52 GSchG vereinigt beide Aspekte in einem Artikel. Abs. 2 regelt die Schweigepflicht – sowohl für die Bundes‑ als auch für die kantonale Ebene.

32. Mit dem Erlass des BGÖ im Jahre 2004 und der Umsetzung der Aarhus-Konvention u.a. im GSchG (Art. 50 GSchG) und im USG (Art. 10e ff. USG) im Jahre 2013, womit das Geheimhaltungsprinzip mit Öffentlichkeitsvorbehalt zugunsten des Öffentlichkeitsprinzips mit Geheimhaltungsvorbehalt geändert worden ist, ist der Anwendungsbereich des Amtsgeheimnis geschwunden (vgl. Griffel/Rausch, Kommentar USG Ergänzungsband, Art. 47 N 4; Hänni, Organisationsrecht, N 200) – entsprechend den für Gewässerschutzdaten massgebenden Art. 50 GSchG und Art. 7 Abs. 8 i.V.m. Art. 10e ff. USG auch für die Kantone.

33. Mit dem Begriff des Amtsgeheimnis nimmt Art. 52 Abs. 2 GSchG Bezug auf die Formulierung von Art. 22 Abs. 1 BPG (zu weiteren Bestimmungen auf Bundesebene siehe Hänni, Organisationsrecht, Fn. 386), wonach die Angestellten dem Amtsgeheimnis unterstehen. Danach erfasst dieses «eine breite Palette von Tatsachen, welche den Angestellten des Bundes im Zusammenhang mit ihrer Arbeit zur Kenntnis gelangen (können)» (Helbling, Handkommentar BPG, Art. 22 N 24). Art. 94 Abs. 1 BPV konkretisiert Art. 22 Abs. 1 BPG: Danach sind die Angestellten zur Verschwiegenheit über berufliche und geschäftliche Angelegenheiten verpflichtet, die nach ihrer Natur oder auf Grund von Rechtsvorschriften oder Weisungen geheim zu halten sind. Ähnliche Bestimmungen finden sich auf kantonaler Ebene.

34. Abweichend vom BPG erhält der Begriff des Amtsgeheimnisses nach Art. 52 Abs. 2 GSchG allerdings einen etwas anderen sachlichen und persönlichen Anwendungsbereich: Er ist nicht auf «dienstliche Angelegenheiten» (vgl. Hänni, Organisationsrecht, N 191) fokussiert, sondern betrifft lediglich «gewässerschutzrechtliche Angelegenheiten»; der Geheimnisträger umfasst sodann nicht nur die am Arbeitsverhältnis beteiligten Parteien, sondern auch Experten und Mitglieder von Kommissionen und Fachausschüssen. Der Begriff des Amtsgeheimnisses nach Art. 52 Abs. 2 GSchG stellt zudem einen bundesrechtlichen Begriff dar, der auch für die Kantone verbindlich ist; insofern sind kantonale Bestimmungen nicht mehr massgebend.

35. Gegenstand der Schweigepflicht sind dementsprechend gewässerschutz­rechtliche Angelegenheiten, also Tatsachen, welche den Adressaten von Art. 52 Abs. 2 GSchG im Rahmen der Beschäftigung mit dem Gewässer-schutzrecht bekannt werden; Tatsachen, die die Adressaten als Privat-personen erfahren, unterliegen nicht der Schweigepflicht (Hänni, Organi-sationsrecht, N 191), im Gegensatz etwa zu solchen, welche die Vollzugs-behörde beispielsweise bei einer Kontrolle zufälligerweise wahrgenommen hat (vgl. Brunner, Kommentar USG, Art. 46 N 33a). Die gewässerschutz-rechtlichen Angelegenheiten unterstehen indes nur dann der Schweige-pflicht, wenn sie nach ihrer Natur oder auf Grund von Rechtsvorschriften oder Weisungen geheim zu halten sind. Mit dem Wechsel zum Öffentlich-keitsprinzip mit Geheimhaltungsvorbehalt ist die Verwaltung als allgemein zugängliche Informationsquelle zu betrachten (vgl. Hänni, Organisations-recht, N 202): mit der in Art. 10g USG auch für das Gewässerschutzrecht geregelten passiven Umweltinformation (siehe dazu Botschaft Aarhus-Konvention 2012, 4341 f., 4351 f.; Errass, Aarhus-Konvention, 59 ff.) sind alle Umweltinformationen öffentlich, es sei denn die vorbehaltenen Geheimhaltungsgründe oder die besonderen Fälle nach Art. 10g Abs. 2 USG i.V.m. Art. 7 BGÖ bzw. Art. 8 BGÖ sind einschlägig (siehe z.B. Bellanger/Défago Gaudin, Commentaire LPE, Art. 47 N 23). Zusätzlich wird der Geheimhaltungsvorbehalt durch die Verpflichtung zur Veröffentlichung von Erhebungen nach Art. 50 GSchG klarer umrissen (siehe auch Art. 7 ff., insbes. Art. 9 Abs. 2 PRTR-Verordnung). Nach Art. 7 und 8 BGÖ und Art. 4 Abs. 3 und 4 Aarhus-Konvention ergeben sich folgende Geheimhaltungsgründe (zum Ganzen auch Botschaft Aarhus-Konvention, 4354 ff.; Errass, Aarhus-Konvention, 62 ff.; Thurnherr, Öffentlichkeit, 244 ff.; Cottier/Schweizer/Widmer, Handkommentar BGÖ, Art. 7; Mahon/Gonin, Handkommentar BGÖ, Art. 8):

·       Wesentliche Beeinträchtigung der freien Meinungs‑ und Willensbildung einer dem GSchG unterstellten Behörde, eines anderen legislativen oder administrativen Organes oder einer gerichtlichen Instanz;

·       Beeinträchtigung einer zielkonformen Durchführung konkreter behörd-licher Massnahmen;

·       Gefährdung der inneren oder äusseren Sicherheit der Schweiz;

·       Beeinträchtigung der aussenpolitischen Interessen oder der inter-nationalen Beziehungen der Schweiz;

·       Beeinträchtigung der Beziehungen zwischen dem Bund und den Kantonen oder zwischen Kantonen;

·       Gefährdung der wirtschafts‑, geld‑ und währungspolitischen Interessen der Schweiz;

·       mögliche Offenbarung der Berufs‑, Geschäfts‑ oder Fabrikations-geheimnisse;

·       Vermittlung von Informationen, die der Behörde von Dritten freiwillig mitgeteilt worden sind und deren Geheimhaltung die Behörde zugesichert hat;

·       mögliche Beeinträchtigung der Privatsphäre Dritter;

·       Dokumente des Mitberichtsverfahrens;

·       Dokumente, sofern der politische oder administrative Entscheid, für den sie die Grundlage darstellen, noch nicht getroffen ist;

·       vom Bundesrat ausnahmsweise als nicht öffentlich bezeichnete amtliche Dokumente des Mitberichtsverfahrens;

·       amtliche Dokumente über Positionen in laufenden und künftigen Verhandlungen.

36. Zu beachten ist, dass in gewissen Konstellationen auch datenschutzrelevante Aspekte zu berücksichtigen sind (vgl. Art. 7 Abs. 2 BGÖ).

37. Von der Schweigepflicht nach Art. 52 Abs. 2 GSchG sind nur solche Tatsachen umfasst, die im Rahmen der Beschäftigung mit dem Gewässerschutz­recht bzw. im Zusammenhang mit dem Vollzug i.e.S. und i.w.S. des GSchG stehen. Nicht gewässerschutzrechtliche dienstliche Angelegenheiten fallen allenfalls unter Art. 22 BPG i.V.m. 94 Abs. 1 BPV oder die kantonalen Bestimmungen. Da es sich dabei nur um dienstliche Angelegenheiten handelt (vgl. Hänni, Organisationsrecht, N 191), sind Experten, Mitglieder von Kommissionen und Fachausschüssen nicht betroffen.

38. Der Begriff der Schweigepflicht nach Art. 52 Abs. 2 GSchG ist ein bundesrechtlicher Begriff; er gilt auch für die Kantone und insofern muss der Inhalt der Schweigepflicht einheitlich sein. Eine nach den Kantonen unterschiedliche Umschreibung der der Schweigepflicht unterliegenden Umweltinformationen ist deshalb nicht zulässig. Diesbezüglich wäre der Klarheit wegen eine bundesrechtliche Regelung für eine einheitliche kantonale Regelung notwendig gewesen. Demgegenüber überlässt der Gesetzgeber den Kantonen die Kompetenz (Art. 10g Abs. 4 i.V.m. Abs. 1 USG), den Anspruch selber materiell zu regeln; dass sich die Kantone dabei an der Aarhus-Konvention zu orientieren hätten und damit ein einheitlicher Standard garantiert würde, verlangt lediglich die bundesrätliche Botschaft (vgl. Botschaft Aarhus-Konvention 2012, 4352) – «better regulation» wäre hier wünschenswert gewesen.

39. Adressaten der Schweigepflicht sind alle die mit dem Vollzug des GSchG beauftragten Personen sowie Experten und Mitglieder von Kommissionen und Fachausschüssen. Der personalrechtliche Begriff des Amtsgeheimnisses wird dabei auf Personen ausgedehnt, welche nicht in einem Angestellten-verhältnis zum Staat stehen, aber im Rahmen des Vollzugs (i.e.S. und i.w.S.) trotzdem von geheimen gewässerschutzrechtlichen Daten Kenntnis erhalten können. Demgemäss unterscheidet Art. 52 Abs. 2 GSchG zwischen Personen, die das GSchG einschliesslich der Ausführungs-vorschriften vollziehen, und solchen, die das GSchG nicht vollziehen, aber trotzdem mit dem Vollzug des Gewässerschutzrechtes in Berührung kommen können. Mit dem Vollzug des GSchG beauftragte Personen sind solche der Zentralverwaltung, dezentralisierter Verwaltungseinheiten (z.B. eine eigens geschaffene Anstalt für den Gewässerschutz oder ein öffentliches Unternehmen für gewisse Bereiche des Gewässerschutzes) und schliesslich Private (dazu knapp und prägnant Tschannen, Systeme, N 69 ff.). Vollzugsbehörden werden vielfach durch Experten (Gutachten), Kommissionen und Fachausschüsse (z.B. Einbezug des Verbands Schweizer Abwasser‑ und Gewässerschutzfachleute bei der Ausarbeitung eines Anh. der GSchV) unterstützt. Sofern diese Kenntnis von nicht für die Öffentlichkeit bestimmten gewässerschutz-rechtlichen Daten erlangen, unterstehen diese auch der Schweigepflicht.

40. Die Schweigepflicht kann gegenüber der hierarchisch vorgesetzten Instanz nicht geltend gemacht werden (vgl. Hänni, Organisationsrecht, N 195, 202). Anderen Verwaltungs‑ und Gerichtsbehörden gegenüber darf nur Auskunft erteilt werden, wenn eine gesetzliche Auskunfts‑ bzw. Rechtshilfepflicht besteht (dazu Hänni, Organisationsrecht, N 195; Brunner, Kommentar USG, Art. 47 N 35); gegenüber ausländischen Behörden und internationalen Organisationen ist ebenso eine gesetzlichen Grundlage notwendig (vgl. Botschaft ChemG, 789 f.). Vor Gericht bedarf es zudem einer besonderen Ermächtigung durch die zuständige Stelle nach Art. 2 BPG (Art. 94 Abs. 3 BPV).

41. Analog Art. 94 Abs. 2 BPV bleibt die Schwiegepflicht auch nach Beendigung des Arbeits‑ bzw. des Auftragsverhältnisses bestehen. Die Verletzung des Amtsgeheimnisses wird strafrechtlich geahndet. Der strafrechtliche Geheimnisbegriff ist materieller Natur; danach bezieht sich das Geheimnis «auf nicht allgemein bekannte oder zugängliche, also nur einem beschränkten Personenkreis vertraute Tatsachen, deren Schutz vor Preisgabe der Berechtigte (Geheimnisherr) will und an deren Geheimhaltung ein objektives Interesse besteht» (Flachsmann, Kommentar StGB, Art. 320 N 3; siehe auch Griffel/Rausch, Kommentar USG Ergänzungsband, Art. 47 N 11). Insofern stimmt der Geheimnisbegriff nach Art. 52 Abs. 2 mit demjenigen nach Art. 320 StGB überein.

 

 

Résumé

Le premier alinéa de l'art. 52 LEaux traite des relevés effectués dans les eaux publiques et privées. Ces données étant d'importance majeure pour l'exécution de la LEaux, les autorités sont par conséquent tenues et habilitées à effectuer les relevés nécessaires à l'exécution de la présente loi. A ce titre, elles doivent en outre aménager les équipements nécessaires et procéder aux contrôles des installations. Les restrictions aux droits fondamentaux des propriétaires fonciers et des détenteurs d'installations ne sont admissibles que si elles satisfont aux conditions prévues en cas de restriction des droits fondamentaux à l'art. 36 Cst. Elles doivent notamment reposer sur une base légale, ce que constitue l'art. 52 al. 1 3ème phrase LEaux. Les détenteurs sont par conséquent tenus sur cette base d'accorder le libre accès aux personnes chargées de ces tâches et de leur fournir les renseignements nécessaires.

Le corolaire de l'obligation d'information de l'al. 1 est le secret de fonction prévu à l'al. 2. L'obligation de garder le secret ne porte pas sur les aspects de service mais sur les aspects concernant la protection des eaux et de surcroît étend le cercle de destinataires tenus au secret de fonction. Ainsi, au même titre que les personnes chargées de l'application de la loi, les experts et les membres de commission et de groupe de travail sont également soumis au secret de fonction. La LTrans et la mise en oeuvre de la Convention d'Aarhus dans la LPE et la LEaux ont sensiblement limité l'étendue du secret.

 

 

Literatur Benedick Gilles, Das Aussagedilemma in parallelen Verfahren, in: AJP 2011, 169 ff. (zit. Aussagedilemma); Brunner Stephan C./Mader Luzius (Hrsg.), Stämpflis Handkommentar, Öffentlichkeitsgesetz – Bundesgesetz über das Öffentlichkeitsprinzip der Verwaltung vom 17. Dezember 2004 (BGÖ), Bern 2008 (zit. Bearbeiter, Handkommentar BGÖ); Donatsch Andreas (Hrsg.), StGB Kommentar – Schweizerisches Strafgesetzbuch und weitere einschlägige Erlasse mit Kommentar zu StGB, JStG, den Strafbestimmungen des SVG, BetmG und AuG, 19. Aufl., Zürich 2013 (zit. Bearbeiter, Kommentar StGB); Druey Just Eva/Caviezel Gieri, Private Wasserrechte und der öffentliche Anspruch auf die Ressource Wasser, in: AJP 2013, 1631 ff. (zit. Wasserrechte); Errass Christoph, Die Aarhus-Konvention und ihre Umsetzung ins schweizerische Recht, in: URP 2004, 47 ff. (zit. Aarhus-Konvention); Fellmann Jeremias/Vetterli Luzia, «Nemo tenetur» light bei strafähnlichen Verwaltungssanktionen?, in: forumpoenale 2015, 43 ff. (zit. nemo tenetur); Geth Christopher, Aufsichtsrechtliche Mitwirkungspflichten und nemo tenetur, in: Emmenegger Susan (Hrsg.), Banken zwischen Strafrecht und Aufsichtsrecht, Basel 2014, 141 ff. (zit. Mitwirkungspflichten); Gless Sabine, Nemo tenetur se ipsum accusare und verwaltungsrechtliche Auskunftspflichten – Konflikt und Lösungsansätze am Beispiel der Schweizer Finanzmarktaufsicht, in: Fahl Christian/Müller Eckhart/Satzger Helmut et al. (Hrsg.), Festschrift für Werner Beulke zum 70. Geburtstag, Ein menschengerechtes Strafrecht als Lebensaufgabe, Heidelberg 2015, 723 ff. (zit. nemo tenetur); Hänni Peter, Organisationsrecht, Schweizerisches Bundesverwaltungsrecht (SBVR), Band I/2, 2. Aufl., Basel/Genf/München 2004 (zit. Organisationsrecht); Kiener Regina/Rütsche Bernhard/Kuhn Mathias, Öffentliches Verfahrensrecht, Zürich/St. Gallen 2012 (zit. Verfahrensrecht); Marburger Peter, Die Regeln der Technik im Recht, Köln/Berlin/Bonn/München 1979 (zit. Regeln); Portmann Wolfgang/Uhlmann Felix (Hrsg.), Stämpflis Handkommentar, Bundespersonalgesetz (BPG) – Bundespersonalgesetz vom 24. März 2000 (BPG), Bern 2013 (zit. Bearbeiter, Handkommentar BPG); Roth Simon, Das Verhältnis zwischen verwaltungsrechtlichen Mitwirkungspflichten und dem Grundsatz «nemo tenetur se ipsum accusare» – Zusammenfassung und Würdigung der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, in: ZStrR 2011, 296 ff. (zit. Mitwirkungspflichten); Roth Simon, Die Geltung von nemo tenetur im Verwaltungsverfahren, in: Jusletter vom 17. Februar 2014 (zit. nemo tenetur); Roth Simon, Zum Zweiten: Die Geltung von nemo tenetur im Verwaltungsverfahren, in: jusletter vom 24. November 2014 (zit. Zum Zweiten); Rüegger Vanessa, Der Zugang zu Wasser als Verteilungsfrage – das Verhältnis zwischen dem Menschrecht auf Wasser und den Herrschafts‑ und Nutzungsrechten an Wasservorkommen, Diss. Freiburg i.Üe. 2012 (zit. Wasserzugang); Seiler Hansjörg, Das (Miss‑)Verhältnis zwischen strafprozessualem Schweigerecht und verwaltungsrechtlicher Mitwirkungs‑ und Auskunftspflicht, in: recht 2005, 11 ff. (zit. Missverhältnis); Seiler Hansjörg, Recht und technische Risiken – Grundzüge des technischen Sicherheitsrechts, Zürich 1997 (zit. Technische Risiken); Thurnherr Daniela, Öffentlichkeit und Geheimhaltung von Umweltinformationen – Weiterentwicklung des Umweltvölkerrechts durch die Aarhus-Konvention und deren Bedeutung für das schweizerische Recht, Diss. Zürich 2003 (zit. Öffentlichkeit); Tschannen Pierre, Systeme des Allgemeinen Verwaltungsrechts, Bern 2008 (zit. Systeme).

 

 

Materialien und amtliche Publikationen: Botschaft zum Bundesgesetz über den Schutz vor gefährlichen Stoffen und Zubereitungen (Chemikaliengesetz, ChemG) vom 24. November 1999, BBl 2000 687 ff. (zit. Botschaft ChemG 1999); Botschaft zur Genehmigung und Umsetzung der Aarhus-Konvention und von deren Änderung vom 28. März 2012, BBl 2012 4323 ff. (zit. Botschaft Aarhus-Konvention 2012); Bundesamt für Umwelt (BAFU)/Bundesamt für Gesundheit (BAG) (Hrsg.) (verfasst durch Schaffner Monika/Studer Pierre/Ramseier Claude), Beurteilung der Badegewässer – Empfehlungen zur Untersuchung und Beurteilung der Badewasserqualität von See‑ und Flussbädern, Umwelt-Vollzug Nr. 1310, Bern 2013 (zit. Beurteilung Badegewässer); Bundesamt für Umwelt (BAFU)/Eidg. Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (Eawag) (Hrsg.) (verfasst durch Schlosser Jacqueline A./Haertel-Borer Susanne/Liechti Paul et al.), Konzepte für die Untersuchung und Beurteilung der Seen in der Schweiz – Anleitung zur Entwicklung und Anwendung von Beurteilungsmethoden, Umwelt-Wissen Nr. 1326, Bern 2013 (zit. Beurteilung Seen).