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Art. 6 GSchG - Art. 6 LEaux

Hettich Peter​ | Tschumi Tobias​

 

 

1. Kapitel: Reinhaltung der Gewässer/Chapitre 1: Sauvegarde de la qualité des eaux

 

1. Abschnitt: Einleiten Einbringen und Versickern von Stoffen/Section 1: Déversement, introduction et infiltration de substances

 

Grundsatz

1         Es ist untersagt, Stoffe, die Wasser verunreinigen können, mittelbar oder unmittelbar in ein Gewässer einzubringen oder sie versickern zu lassen.

2         Es ist auch untersagt, solche Stoffe ausserhalb eines Gewässers abzulagern oder auszubringen, sofern dadurch die konkrete Gefahr einer Verunreinigung des Wassers entsteht.

Principe

1             Il est interdit d'introduire directement ou indirectement dans une eau des substances de nature à la polluer; l'infiltration de telles substances est également interdite.

2         De même, il est interdit de déposer et d'épandre de telles substances hors d'une eau s'il existe un risque concret de pollution de l'eau.

Principio

1         È vietato introdurre direttamente o indirettamente o lasciare infiltrarsi nelle acque sostanze che possono inquinarle.

2         È parimenti vietato depositare o spandere tali sostanze fuori delle acque, se ne scaturisce un pericolo concreto di inquinare l'acqua.

 

 

Inhaltsübersicht

Entstehungsgeschichte1
II.   ​Allgemeine Bemerkungen6
III.  Reinhaltungsgebot15
A.​Mittelbare oder unmittelbare Einbringung (Abs. 1)15
B.Konkrete Gefährdung (Abs. 2)20

 

I.              Entstehungsgeschichte

 

 

1. Schon Art. 12 des BGF 1875 enthielt ein Verbot, Stoffe in Fischwasser einzuwerfen, durch welche die Fische beschädigt oder vertrieben werden könnten. Die Bestimmung begrenzte auch die Schadstoffkonzentrationen und Hitzezufuhr durch «Fabrikabgänge» (detailliert Art. 1 ff. VV BGF 1886). Art. 21 des totalrevidierten BGF 1888 dehnte in der Folge den Gewässerschutz auf Krebse aus. Die in Ausführung dieser Bestimmung am 17. April 1925 erlassene «Spezialverordnung» erfasste auch nicht mehr nur Fabrikabgänge, sondern Abfälle und Abwässer schlechthin, also auch solche aus gewerblichen und landwirtschaftlichen Betrieben und aus Ortschaften. Im Zentrum dieser Normen stand der Schutz der wirtschaftlichen Interessen der Fischerei (Vallender/Morell, Umweltrecht, § 3 N 10; auch Botschaft BGF 1887, 364), wobei ein gesunder Fischbestand auch als Indikator für die Qualität eines Gewässers an sich dienen kann (vgl. Komm. zu Art. 1 GSchG N 3).

2. In der Volksabstimmung vom 6. Dezember 1953 wurde Art. 24quater BV 1874 als erster Umweltschutzartikel mit 81.3 % Ja-Stimmen angenommen (am 7. Dezember 1975 abgelöst durch Art. 24bis BV 1874), wodurch der Bund gesetzliche Bestimmungen zum Schutze der ober‑ und unterirdischen Gewässer gegen Verunreinigung erlassen konnte. Der Bundesrat begründete die Kompetenz mit der zunehmenden Gewässerverschmutzung durch Haushalte (Schwemmkanalisation) sowie Abwässer aus Fabriken sowie aus gewerblichen und landwirtschaftlichen Betrieben (Botschaft Schutz der Gewässer 1953, 1 f.; s.a. Stutz, Herausforderungen, 510 und 513). Es ging nun nicht mehr nur um den Schutz der Fischereiwirtschaft, sondern auch um die «Erhaltung des Landschaftsbildes», die «Öffentliche Gesundheitspflege» sowie die Sicherung von «Brauchwasser in Industrie und Gewerbe» (Botschaft Schutz der Gewässer 1953, 5 ff., 15).

3. Parallel mit der zugehörigen Verfassungsbestimmung (dazu Bendel, Gewässerschutz, 208 ff.; s. zur Entwicklung auch Schindler, Rechtsfragen, 418 ff.) wurde der Entwurf eines BG über den Schutz der Gewässer gegen Verunreinigung erarbeitet, der am 9. Februar 1954 vom Bundesrat und am 16. März 1955 von der Bundesversammlung verabschiedet wurde. Der noch als Zweckartikel konzipierte Art. 2 GSchG 1955 wurde schon bald als Grundlage für Massnahmen gegen die Verunreinigung der Gewässer herangezogen, was vom Bundesgericht geschützt wurde (BGE 84 I 150 ff., 156: Verbot Grosstankanlage; BGE 86 l 187 ff., 198: Kiesabbau; BGE 90 I 195 ff., 198: Ölbehälter; BGE 92 I 409 ff., 414: Baubewilligung Einfamilienhaus; zu dieser Rechtsprechung Schindler, Rechtsfragen, 432 ff.). Dabei war allerdings Rücksicht zu nehmen «auf die technischen Möglichkeiten, das Selbstreinigungsvermögen der Gewässer, die Filtrierfähigkeit des Bodens und, soweit es sich nicht um die Sicherstellung gesunden Trink‑ und Brauchwassers handelt, auf die entstehende wirtschaftliche und finanzielle Belastung» (Art. 2 Abs. 3 GSchG 1955). Der Begriff der Verunreinigung wurde bewusst nicht weiter definiert, sollte aber neben schädlichen auch andere beeinträchtigende Einflüsse erfassen, z.B. die Einleitung von heissem Wasser (Botschaft GSchG 1954, 335). Das Gesetz enthielt sodann Vorschriften zur Reinigung von Abwässern (Art. 3 GSchG 1955) sowie zum Ablagern von Stoffen ausserhalb der Gewässer (Art. 4 GSchG 1955; zur Anwendung des Gesetzes Bendel, Gewässerschutz, 214 ff.).

4. Art. 14 des totalrevidierten GSchG 1971 kann als Vorläufer des heutigen Art. 6 GSchG angesehen werden (zur Entstehung des Gesetzes Bendel, Gewässerschutz, 209 f., s.a. 232 ff.). Nach dieser Bestimmung war es untersagt, feste, flüssige oder gasförmige Stoffe, die geeignet sind, das Wasser zu verunreinigen, mittelbar oder unmittelbar in die Gewässer einzubringen oder abzulagern. Bei Gefahr einer Verunreinigung war auch das Ablagern ausserhalb der Gewässer untersagt. Sodann war es verboten, verunreinigende Stoffe durch Versickernlassen in den Untergrund zu beseitigen. Als Verunreinigung sah der Bundesrat nicht nur Verunreinigungsakte im engeren Sinn an, sondern auch anderweitige Handlungen, die eine schädliche Veränderung der physikalischen, der chemischen oder der biologischen Beschaffenheit des Wassers zur Folge haben können (Botschaft GSchG 1970, 443). Auf die Weiterführung der durch Art. 2 Abs. 3 GSchG 1955 verlangten Interessenabwägung wurde verzichtet, da diese die Wirkung des Gesetzes abschwäche (Botschaft GSchG 1970, 438).

5. Mit der – als indirekten Gegenvorschlag zur Volkinitiative «Rettung unserer Gewässer» gedachten (AB S 1988, 620) – Totalrevision vom 24. Januar 1991 wurde Art. 6 GSchG schliesslich in der heute vorliegenden Form im Gesetz verankert. Der Entwurf des Bundesrates passierte beide Räte diskussionslos (AB S 1988, 634; AB N 1989, 954). Die Vorlage stand nicht mehr im Zeichen der Verbesserung des qualitativen Gewässerschutzes, sodass die Bestimmungen zur Reinhaltung der Gewässer aus dem GSchG 1971 weitgehend übernommen werden konnten (Botschaft GSchG 1987, 1084, 1086; AB S 1988 622 und AB N 1989 933 [Voten der Berichterstatter zum Eintreten]; zur Differenzierung im Bereich der Abwasserbeseitigung Stutz, Herausforderungen, 512 und die Entstehungsgeschichte in der Komm. zu Art. 7 GSchG N 1 ff.). Im Unterschied zum alten Gesetz wird in Art. 6 GSchG neben dem Ablagern auch das Ausbringen von Stoffen (z.B. Dünger) ausserhalb der Gewässer geregelt (Botschaft GSchG 1987, 1109).

 

 

II.           Allgemeine Bemerkungen

 

 

6. Art. 6 GSchG ist die zentrale Norm zur Sicherstellung des qualitativen Gewässerschutzes; sie ergänzt für diesen Regelungsbereich die allgemeine Sorgfaltspflicht des Art. 3 GSchG. Die Bestimmung regelt die Reinhaltung umfassend und lässt für ergänzendes oder strengeres kantonales Recht keinen Raum (BGer 1C_390/2008 vom 15. Juni 2009, E. 2.3 im Anschluss an Marti, St. Galler Kommentar, Art. 76 N 16 und Mahon, Petit Commentaire Cst., art. 76 N 11 f.).

7. Die beiden Absätze des Art. 6 GSchG statuieren absolute Verbote, die in ihrem Umfang durch die weiteren Bestimmungen des GSchG konkretisiert werden. Das von Art. 6 GSchG umschriebene Verhalten ist damit generell unzulässig («generelles Verunreinigungsverbot», VGer SG, Urteil vom 3. Dezember 2013 (B 2012/161), E. 4.2.1; Rausch/Marti/Griffel, Umweltrecht, N 382), ausser es werde durch die Gewässerschutzgesetzgebung ausdrücklich erlaubt («gewässerschutzrechtliche Reinhaltungsgebot»; dazu BGE 125 II 29 ff., 37, in: URP 1999, 135 ff.; BGer 1C_390/2008 vom 15. Juni 2009, E. 2.2; BGer 1C_43/2007 vom 9. April 2008, E. 2.4, in: URP 2008, 576, auszugsweise publiziert in BGE 134 II 142).

8. Mit Art. 6 GSchG soll grundsätzlich verhindert werden, dass Schadstoffe ins Wasser gelangen und dieses verunreinigen. Das generelle Verunreinigungsverbot gilt selbst dann, wenn die Anforderungen an die Wasserqualität gemäss Anh. 2 GSchV nach eingetretener Verunreinigung noch erfüllt sind (BGer 1C_43/2007 vom 9. April 2008, E. 3.6, in: URP 2008, 576; Lagger, Überblick Gewässerschutzrecht, 478 f. Fn. 17). Art. 6 GSchG entspricht damit einer strengen Konkretisierung des Vorsorgeprinzips für den Bereich des qualitativen Gewässerschutzes, wonach a priori jegliche Verschlechterung der Wasserqualität unzulässig ist. Im Gegensatz dazu basiert das USG auf einer Konzeption des Vorsorgeprinzips, nach welcher Immissionen grundsätzlich nur dann frühzeitig zu begrenzen sind, wenn sie schädlich oder lästig werden könnten (Art. 1 Abs. 2 USG; Marti, Vorsorgeprinzip, 210; kritisch: Griffel, Grundprinzipien, N 78). M.a.W. sei beim USG «grundsätzlich alles erlaubt, was nicht durch Verbote oder Gebote abgedeckt ist» (Lagger, Überblick Gewässerschutzrecht, 475).

9. Ausnahmen vom Verunreinigungsverbot sind in Art. 6 GSchG selbst nicht vorgesehen und entsprechend direkt gestützt darauf auch nicht bewilligungsfähig (BGE 125 II 29 ff., 37). Für eine Interessenabwägung, wie sie Art. 2 Abs. 3 GSchG 1955 noch enthalten hat, belässt Art. 6 GSchG keinen Raum. Ein Abweichen von Art. 6 GSchG im Rahmen einer Interessenabwägung ist gemäss Rechtsprechung nur dann zulässig, wenn eine koordinierte Rechtsanwendung mit anderen, gleichrangigen Normen nicht möglich und eine Verletzung des Reinhaltegebots als Folge eines zwingenden Normkonflikts quasi geboten ist (BGE 125 II 29 ff., 38, «Bekämpfung roter Sumpfkrebs»; dazu etwa Rausch/Marti/Griffel, Umweltrecht, N 382).

10. Für das Einleiten und Versickernlassen von Abwasser (Art. 4 Bst. e GSchG; s. zum Begriff etwa BGer, in: URP 1998, 734, E. 4c) gelten die Vorgaben von Art. 7 und 9 GSchG (vgl. Komm. zu Art. 7 GSchG). Die gemäss Art. 7 Abs. 1 GSchG bewilligungsfähige Einleitung bzw. Versickerung von verschmutztem Abwassser stellt eine gesetzliche Ausnahme vom generellen Verunreinigungsverbot dar (BGer 1C_43/2007 vom 9. April 2008, E. 2.4; Stutz, Abwasserrecht, 115; Lagger, Überblick Gewässerschutzrecht, 475).

11. Im Rahmen der Gesamtverteidigung oder von Notlagen kann der Bundesrat allgemein Ausnahmen von den gewässerschutzrechtlichen Vorgaben und damit auch von Art. 6 GSchG vorsehen, allerdings nur soweit dies erforderlich ist (Art. 5 GSchG). Der Bundesrat hat keine auf Art. 5 GSchG gestützten Verordnungsbestimmungen erlassen, die Ausnahmen von Art. 6 GSchG vorsehen (vgl. Komm. zu Art. 5 GSchG N 5).

12. Als Beispiel für eine spezialgesetzliche Ausnahme vom Verunreinigungsverbot zu nennen ist Art. 79 f. StSV i.V.m. Art. 26 Abs. 2 StSG. Danach dürfen flüssige radioaktive Abfälle mit geringer Aktivität über das Abwasser an Oberflächengewässer abgegeben werden. Die dafür notwendige Ausnahmebewilligung erteilt fallabhängig das BAG, die SUVA oder das ENSI (Art. 136 StSV). Die Gewässerschutzverordnung ist aufgrund der Anordnung von Art. 2 Abs. 2 GSchV nicht anwendbar.

13. Die vorsätzliche Verletzung des Verunreinigungsverbots gemäss Art. 6 GSchG wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe (bis zu 360 Tagessätzen, Art. 34 StGB) geahndet (Art. 70 Abs. 1 Bst. a GSchG; s. etwa BGer 6B_607/2010 vom 5. November 2010, in: URP 2011, 154 ff.). Handelt der Täter fahrlässig, so beträgt die maximale Geldstrafe gemäss Art. 70 Abs. 2 GSchG bis zu 180 Tagessätze (vgl. Komm. zu Art. 70 GSchG N 5 ff.). Mögliche Folge einer Verletzung sind sodann Kostenüberwälzung gemäss Art. 54 GSchG und Haftung gemäss Art. 41 OR, Art. 59a USG, etc. (vgl. Komm. zu Art. 54 GSchG N 11 ff.).

14. Art. 6 GSchG dient zusammen mit Art. 49 GSchG als rechtliche Grundlage für das Einschreiten der Schadendienste (Spezialisten der Gewässerschutzfachstelle, Feuerwehr, Polizei usw.) bei akuten Gewässerverschmutzungen. Zudem kann die Bestimmung im akuten Schadenfall auch für verwaltungsrechtliche (Zwangs‑)Massnahmen gegenüber Privaten als Rechtsgrundlage herangezogen werden (Stutz, Abwasserrecht, 116 f.). Nicht ganz klar erscheint, ob auch die Anordnung von Sanierungsmassnahmen gegenüber Privaten direkt auf Art. 6 GSchG gestützt werden kann (bejahend: Stutz, Abwasserrecht, 116, insb. Fn. 443 sowie BGer 1A.51/2005 vom 29. November 2005, E. 2.4, in: URP 2006, 174 ff.). Sodann hat die Baurekurskommission I ZH in einem Entscheid vom 23. Juni 2000 (in: URP 2000, 730) Auflagen zur Verhinderung einer Gewässerverunreinigung im Baubewilligungsverfahren gestützt auf Art. 6 GSchG zugelassen, sofern «geprüft worden ist, ob und inwieweit den besonderen betrieblichen Bedürfnissen Rechnung getragen werden kann» (Auflage, wonach auf einem Occasionsauto-Verkaufsplatz, dessen Oberflächenwasser weitgehend versickert oder der öffentlichen Kanalisation zugeführt wird, keine verkehrsuntauglichen bzw. keine reparaturbedürftigen Fahrzeuge abgestellt werden dürfen). Ferner hat das VGer ZH in einen Entscheid vom 13. April 2000 (in: URP 2000, 847) eine Bewilligung eines erdverlegten Jaucheteichs mit Kunststoffabdichtung u.a. auf Art. 6 GSchG gestützt.

 

 

III.        Reinhaltungsgebot

 

 

A.           Mittelbare oder unmittelbare Einbringung (Abs. 1)

 

15. Der Begriff der «Stoffe» ist weit zu verstehen. In Analogie zu Art. 4 Abs. 1 Bst. a ChemG sowie Art. 7 Abs. 5 USG können jegliche «natürliche oder durch ein Produktionsverfahren hergestellte chemische Elemente und deren Verbindungen» unter den Begriff subsumiert werden (s.a. die weitergehende Definition in Art. 2 Abs. 1 Bst. a ChemV, wonach der Stoff auch seine Verunreinigungen mitumfasst; Griffel/Rausch, Kommentar USG Ergänzungsband, Art. 26 N 5; zum Begriff der Stoffe nach USG und ChemG Wagner Pfeifer, Umweltrecht Handbuch, N 61 ff.; noch zum altrechtlichen Begriff Leimbacher, Kommentar USG, Art. 28 N 23 f.; Keller, Kommentar USG, Art. 7 N 23 ff.). Die Materialien nennen Abfälle, Schwermetalle, Brenn‑ und Treibstoffe, Wasch‑ und Spülmittel, Pflanzenschutzmittel, Nitrat und Phosphor (Jauche, Künstdünger), ohne die Absicht zu verfolgen, den Begriff der Stoffe damit abschliessend zu definieren (BGer 1A.51/2005 vom 29. November 2005, E. 2.3., in: URP 2006, 174 ff. «beispielhafte Aufzählung»; s.a. Schindler, Rechtsfragen, 387 ff.; vgl. etwa BGer 6B_607/2010 vom 5. November 2010, in: URP 2011, 154 ff. für ein stark ätzendes Reinigungsmittel; BGer 1A.152/2001 vom 5. März 2002, E. 4.2, in: URP 2002, 417 ff., für Öle und Fette).

16. «Verunreinigung» gilt gemäss der Legaldefinition von Art. 4 Bst. d GSchG jede nachteilige physikalische, chemische oder biologische Veränderung des Wassers (vgl. Komm. zu Art. 4 GSchG). «Nachteilig» ist jede messbare Mehrbelastung gegenüber dem Ausgangszustand, d.h. unabhängig vom ursprünglichen Reinheitsgrad des Wassers (BGer 1C_62/2014 vom 15. Juni 2015, E. 2.1; BGer 1C_390/2008 vom 15. Juni 2009, E. 2.2; BGer 1C_43/2007 vom 9. April 2008, E. 2.3, in: URP 2008, 576). Zurzeit als Verunreinigung im Fokus stehen organische Spurenstoffe («Mikroverunreinigungen») im Abwasser (BAFU, Schadstoffbelastung, 10 ff.; Botschaft GSchG 2013, 5550 ff.).

17. Der Begriff des Gewässers umfasst sowohl die «oberirdischen Gewässer» (Art. 4 Bst. a GSchG) wie auch die «unterirdischen Gewässer» (Art. 4 Bst. b GSchG; vgl. Komm. zu Art. 4 GSchG N 1 ff.). Erfasst sind damit das Wasserbett mit Sohle und Böschung sowie die tierische und pflanzliche Besiedlung bzw. das Grundwasser (inkl. Quellwasser), Grundwasserleiter, Grundwasserstauer und Deckschicht. Die Begriffe haben einen «auf den Wasserhaushalt der Natur bezogenen Sinngehalt» und sind keinesfalls mit dem «Wasser» an sich gleichzusetzen (BGE 107 IV 63 ff., 65). Nicht zu den gschützten Gewässern zählen z.B. Kanalisationen, Kläranlagen und Klärbecken (BGE 107 IV 63 ff., 66; Schindler, Rechtsfragen, 449; Oftinger, Haftpflicht, 105; Piraccini, Vergehenstatbestände, 27 ff.). Künstliche Gewässer sind einbezogen, soweit diese Kanäle, Becken, etc. Teil des natürlichen Wasserkreislaufs bilden (Botschaft GSchG 1987, 1104; Vallender/Morell, Umweltrecht, § 13 N 4). Grundsätzlich geniessen alle Gewässer den gleichen Schutz; auf eine formelle Einteilung der Gewässer in verschiedene Schutzklassen wurde verzichtet (Vallender/Morell, Umweltrecht, § 13 N 4; VGer BE, Urteil vom 4. Dezember 1995, in: BVR 1996, 551 ff., 554).

18. «Einbringen» «bedeutet die Beifügung schädlicher Stoffe im festen, flüssigen und gasförmigen Aggregatzustand» (BGE 101 IV 419 ff., 420; OGer ZH, Urteil vom 4. April 2001, in: URP 2001, 965 ff., 968). Unmittelbar ist das Einbringen, wenn verunreinigende Stoffe «direkt ins Wasser geschüttet oder geleitet werden» (BGE 101 IV 419 ff., 420). Ein mittelbares Einbringen ist gegeben, wenn ein verunreinigender Stoff über die Kanalisation in ein offenes Gewässer tritt oder wenn der Stoff die Kläranlage, die diesen nicht abbauen konnte, verlässt (BGE 107 IV 63 ff., 66; OGer ZH, Urteil vom 13. Januar 2003, in: URP 2003, 769 ff., zu Öl, das über eine Entwässerungsanlage in die Limmat floss; BGer 6S.531/2001 vom 18. Januar 2002, in: URP 2002, 114, zu quecksilberhaltigem Wasser, das über die Kanalisation abgeleitet wird; BGE 120 IV 300, 307, zu atrazinhaltigem Abwasser, das in der Industriekläranlage nicht abgebaut werden konnte; s. weiter Wagner Pfeifer, Umweltrecht Handbuch, N 849). Ein widerrechtliches mittelbares Einbringen im Sinne von Art. 6 Abs. 1 GSchG ist nicht gegeben, wenn die Grenzwerte von Wasserproben lediglich in den Versickerungsschächten, nicht aber beim Meteoreinlauf zum betreffenden Gewässer überschritten werden (OGer ZH, Urteil vom 13. Januar 2003, in: URP 2003, 769 ff.).

19. Für das «Versickernlassen» genügt, dass Stoffe auf das Erdreich geschüttet werden und durch dieses hindurch in das Grundwasser oder in Abwasserläufe, welche in offene Gewässer führen, gelangen könnten (BGE 101 IV 419 ff., 420; BGE 107 IV 63 ff., 67). Kein Versickern liegt vor, wo eine wassergefährdende Flüssigkeit auf befestigten, flüssigkeitsundurchlässigen Boden ausfliesst, selbst wenn die Flüssigkeit in der Folge in eine Kanalisation gelangt (BGE 107 IV 63 ff., 67). Als nicht erstellt sah das Bundesgericht den Tatbestand bei geringfügigen Versickerungen von tierischen Ausscheidungen in einem mit Verbundsteinen befestigten, nicht vollständig sickerfesten Laufhof an (BGer 1C_390/2008 vom 15. Juni 2009, in: URP 2009, 634, zurückgewiesen zur Neubeurteilung; wohl zu kritisch zum Entscheid Huber-Wälchli/Kel-ler, Rechtsprechung 2003–2012, 212 und Stutz, Grundwasserschutz, 673 ff.). Vom Einbringen unterscheidet sich das Versickernlassen dadurch, «dass Versickern nicht den Nachweis erfordert, dass die schädliche versickerte Flüssigkeit auch in die geschützten Gewässer gelangte. Es genügt, dass Gefahr hierfür bestand» (BGE 101 IV 419 ff., 420 noch zu Art. 37 GSchG 1971; weiter OGer ZH, Urteil vom 13. Januar 2003, in: URP 2003, 769 ff.; OGer ZH, Urteil vom 4. April 2001, in: URP 2001, 965 ff. [bestätigt in BGer 6S.520/2001 vom 27. September 2009, E. 1.2., in: URP 2003, 279]; im Ergebnis auch BGer 1C_390/2008 vom 15. Juni 2009, in: URP 2009, 634). Sobald eine versickerte Flüssigkeit in geschützte Gewässer gelangt, ist sie mittelbar in das Gewässer eingebracht.

 

B.            Konkrete Gefährdung (Abs. 2)

 

20. Der Begriff der «Stoffe» nach Abs. 2 ist gleich wie in Abs. 1 und damit weit auszulegen (vgl. N 15).

21. Unter «Ablagern» ist das endgültige Deponieren oder Niederlegen fester Stoffe ausserhalb des Gewässers zu verstehen (BGE 107 IV 63 ff., 67, noch zum GSchG 1971; s.a. Piraccini, Vergehenstatbestände, 91 ff.). Darunter fällt die Benützung einer Parzelle zur Lagerung von Bauholz und eisernen Gerüstträgern (unverö. Urteil BGer vom 27. September 1968), die Wiederauffüllung einer Grube, die beim Abbau von Kies und Sand gebildet wurde (BGE 86 I 196, E. 6a), die rechtswidrige Ablagerung von mit polychlorierten Biphenylen (PCB) durchsetztem Aushubmaterial (RR ZH vom 20. November 1996, in: URP 1997, 53, 55 ff.) und eine Platzkofferung mit Mischabbruchgranulat (BGer 1A.51/2005 vom 29. November 2005, in: URP 2006, 174 ff.).

22. Der Vorgang des «Ausbringens» erfasst namentlich das Düngen von landwirtschaftlich genutzten Flächen mit tierischen Ausscheidungen oder künstlich hergestellten Stoffen (Vallender/Morell, Umweltrecht, § 13 N 9; siehe auch Art. 71 ChemV; vgl. aber auch OGer ZH, Urteil vom 13. Januar 2003, in: URP 2003, 769 ff., 773 zum «Ausbringen» von ölhaltigem Abwasser; OGer ZH, Urteil vom 4. April 2001, in: URP 2001, 965 ff. [bestätigt in BGer 6S.520/2001 vom 27. September 2002, E. 1.2., in: URP 2003, 279], zum Austreten von Öl wegen eines falsch installierten Tanks). Gemäss BAFU (Düngung, 35 f.) soll «[d]as gewässerschützerisch einwandfreie Verwerten, d.h. das sorgfältige Ausbringen von Gülle, die bekanntlich in den Boden eindringt (‹versickert›), […] nicht als Versickerung im Sinn von Artikel 6 Absatz 1 GSchG [gelten], denn die Nährstoffe werden normalerweise von den Pflanzenwurzeln rasch aufgenommen. Der dann noch verbleibende Rest wird überwiegend an Bodenteilchen gebunden und steht später den Pflanzen ebenfalls wieder zur Verfügung.» Die näheren Anforderungen an den Umgang mit Dünger regelt Anh. 2.6 ChemRRV.

23. Auch wenn das «Ausbringen» dem «Versickernlassen» zwingend zeitlich vorausgeht, sind die beiden Vorgänge in vielen Fällen kaum praktikabel voneinander abzugrenzen. Jedoch dürfte die konkrete Subsumtion meist keine Rolle spielen, da sowohl Art. 6 Abs. 1 als auch Abs. 2 wie auch die Strafnorm von Art. 70 GSchG an die gewässerverunreinigende Wirkung der freigesetzten Stoffe anknüpfen (ähnlich BGer 1C_390/2008 vom 15. Juni 2009, E. 3.1, in: URP 2009, 634 ff.; vgl. auch Huber-Wälchli/Keller, Rechtsprechung 2003–2012, 211 ff.).

24. Art. 6 Abs. 2 GSchG erfasst alle Bereiche «ausserhalb eines Gewässers» (zum Begriff des Gewässers vgl. N 17 und Komm. zu Art. 4 GSchG N 1 ff.); sie werden in ihrer räumlichen Reichweite nur durch das Erfordnis der Schaffung einer konkreten Gefahr der Verunreinigung eines vom Gesetz geschützten Gewässers begrenzt.

25. Eine «konkrete Gefahr» ist gegeben, wenn verunreinigende Stoffe «nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge mit grosser Wahrscheinlichkeit früher oder später» in ein geschütztes Gewässer gelangen können (so BGer 1C_62/2014 vom 15. Juni 2015, E. 2.1; BGer 1C_390/2008 vom 15. Juni 2009, E. 2.2 unter Hinweis auf Botschaft GSchG 1987, 1109; weiter BGer 6B_642/2008 vom 9. Januar 2009, E. 3; BGer 1A.51/2005 vom 29. November 2005, E. 2.1, in: URP 2006, 174 ff.; BGer 6S.520/2001 vom 27. September 2002, E. 1.2., in: URP 2003, 279; s. schon BGE 101 IV 419 ff., 422). Eine solche Gefahr wurde etwa bejaht beim Abschwemmen von Gülle, Mistwasser, Silosäften (VGer SG, Urteil vom 3. Dezember 2013, B 2012/161, E. 4.2.3., bestätigt in BGer 1C_62/2014 vom 15. Juni 2015 «Kälberiglus»), beim Versickernlassen von stark kohlenwasserstoffhaltigem Kompressorwasser in einen Schacht ohne Boden mit Dachwasserzulauf im Gewässerschutzbereich A (OGer ZH, Urteil vom 13. Januar 2003, in: URP 2003, 769 ff., 773 f.), bei der möglichen Auswaschung von Schadstoffen aus einer Platzkofferung mit Mischabbruchgranulat (BGer 1A.51/2005 vom 29. November 2005, in: URP 2006, 174 ff.) und beim Auslaufen von 741 l Öl auf durchlässiges Erdreich, auch wenn dieses sofort ausgebaggert wird (OGer ZH, Urteil vom 4. April 2001, in: URP 2001, 965 ff. [bestätigt in BGer 6S.520/2001 vom 27. September 2009, E. 1.2., in: URP 2003, 279]). Eine konkrete Gefährdung ist auch gegeben beim Einleiten eines ätzenden Reinigungsmittels in einen Abwasserschacht, der in einen – zufällig gerade trockenen – Bach ableitet (BGer 6B_607/2010 vom 5. November 2010, in: URP 2011, 154 ff.; dazu Huber-Wälchli/Keller, Rechtsprechung 2003–2012, 208). Die Frage der konkreten Gefährdung ist unabhängig vom – allenfalls nicht eingetretenen – Erfolg und unabhängig von der Zeitdauer, zu der die Gefahr bestand, zu beurteilen (OGer ZH, Urteil vom 4. April 2001, in: URP 2001, 965 ff., 972 [bestätigt in BGer 6S.520/2001 vom 27. September 2009, E. 1.2., in: URP 2003, 279]; s.a. Botschaft GSchG 1970, 474).

26. Grundsätzlich ist beim Nachweis einer «konkreten Gefahr» davon auszugehen, dass die Rechtsunterworfenen das anwendbare Recht einhalten. So stellt die fachgerechte und vorschriftsgemässe Verwendung von Pflanzenschutzmitteln und Dünger in Gewässerschutzbereichen A keine «konkrete Gefahr» dar (VGer BE, Urteil vom 30. Juni 2003, in: URP 2003, 763 ff., 767); die entsprechenden Tätigkeiten können nicht mit Verweis auf mögliche Gesetzesverstösse präventiv verboten werden. Auch eine gewässerschützerisch und pflanzenbaulich einwandfreie Verwertung von Hofdünger schafft keine solche Gefahr und gilt auch nicht als Versickerung im Sinn von Art. 6 Abs. l GSchG. Die mit dem Regen früher oder später in den Boden eindringenden Düngstoffe werden in diesen Fällen von den Pflanzenwurzeln aufgenommen oder durch die Bodenteilchen gebunden (Botschaft GSchG 1987, 1109; BGer 1C_390/2008 vom 15. Juni 2009, E. 2.4). Das Versickernlassen von Hofdünger ist also insoweit zulässig, als die Natur grundsätzlich in der Lage ist, die fragliche Stoffmenge abzubauen und keine Überdüngung droht (BGer 1C_62/2014 vom 15. Juni 2015, E. 2.3; BGer 1C_390/2008 vom 15. Juni 2009, E. 3.3; BGE 97 I 467, E. 3; Rausch/Marti/Griffel, Umweltrecht, 2004, N 404 ff.; Botschaft GSchG 1987, 1118 f.). Bei der Beurteilung dieser Frage kommt es auf «die Anzahl betroffener Tiere, die beanspruchte Bodenfläche, die vorgesehene Benutzungsdauer und den Grad der Durchlässigkeit des bestehenden Bodens an», wobei an den Nachweis der Abbaubarkeit ausserhalb besonders gefährdeter Grundwasserbereiche keine erhöhten Anforderungen gestellt werden dürfen (BGer 1C_390/2008 vom 15. Juni 2009, E. 3.3 f.).

27. Der Begriff der «Verunreinigung» umfasst gemäss der Legaldefinition von Art. 4 Bst. d GSchG jede nachteilige Veränderung des Wassers (vgl. Komm. zu Art. 4 GSchG N 26) und ist gleich wie in Abs. 1 auszulegen (N 16).

 

 

Résumé

L'art. 6 LEaux est la norme centrale pour la protection qualitative des eaux; elle complète le devoir général de diligence prévue à l'art. 3 LEaux. Cette disposition règlemente de manière exhaustive la protection contre la pollution de telle sorte que les cantons ne peuvent pas adopter des règles cantonales plus strictes. Les deux alinéas de cet article instaurent une interdiction générale de polluer les eaux qui s'applique également lorsque les exigences générales de qualité des eaux selon l'annexe 2 OEaux sont encore remplies.

L'art. 7 LEaux ainsi que les art. 79 s. ORaP et 26 al. 2 LRaP font exception au principe général prévu à l'art. 6 LEaux. Une dérogation à l'art. 6 LEaux dans le cadre d'une pondération des intérêts ne peut se justifier selon la jurisprudence du TF que si l'application coordonnée des normes de même rang n'est pas possible et que la violation du principe de sauvegarde de la qualité des eaux doit apparaitre comme nécessaire consécutivement à un conflit de normes impératives.

La violation de cette norme est passible d'une peine d'emprisonnement de trois ans au plus ou de peine pécuniaire (art. 70 LEaux). L'al. 2 de l'art. 6 LEaux inclut toutes les pollutions hors de l'eau. Il suppose une mise en danger concrète.

 

 

Literatur: Bendel Felix, Gewässerschutz, in: Müller-Stahel Hans-Ulrich (Hrsg.), Schweizerisches Umweltschutzrecht, Zürich 1973, 208 ff. (zit. Gewässerschutz); Lagger Siegfried, Überblick über das neue Gewässerschutzrecht, in: URP 1999, 470 ff. (zit. Überblick Gewässerschutzrecht); Marti Ursula, Das Vorsorgeprinzip im Umweltrecht – Am Beispiel der internationalen, europäischen und schweizerischen Rechtsordnung, Diss. Genf 2009 (zit. Vorsorgeprinzip); Oftinger Karl, Haftpflicht wegen Verunreinigung eines Gewässers – die Haftplichtbestimmung des neuen Gewässerschutzgesetzes, in: SJZ 68 (1972), 101 ff. (zit. Haftpflicht); Piraccini Sandro, Die objektiven Vergehenstatbestände des Gewässerschutzgesetzes vom 8. Oktober 1971, Diss. Zürich 1978 (zit. Vergehenstatbestände); Stutz Hans W., Gelockerter Grundwasserschutz? – Zum Entscheid des Bundesgerichts vom 15. Juni 2009 (1C_390/2008) betreffend Gewässerschutz; Sanierung eines Laufhofs für Rinder (Pfäffikon ZH), in: URP 2009, 673 ff. (zit. Grundwasserschutz); Vallender Klaus/Morell Reto, Umweltrecht, Bern 1997 (zit. Umweltrecht); Wagner Pfeifer Beatrice, Umweltrecht – Besondere Regelungsbereiche – Handbuch zu Chemikalien, GVO, Altlasten, Gewässerschutz, Energie u.a., Zürich/St. Gallen 2013 (zit. Umweltrecht Handbuch).

 

 

Materialien und amtliche Publikationen: Botschaft des Bundesrathes an die Bundesversammlung zum Entwurf eines Bundesgesetzes über die Fischerei, in Revision desjenigen vom 18. September 1875, vom 3. Juni 1887, BBl 1887 III 363 ff. (zit. Botschaft BGF 1887); Bundesamt für Umwelt (BAFU) (Hrsg.) (verfasst durch Gälli René/Ort Christoph/Schärer Michael), Mikroverunreinigungen in den Gewässern – Bewertung und Reduktion der Schadstoffbelastung aus der Siedlungsentwässerung, Umwelt-Wissen Nr. 0917, Bern 2009 (zit. Schadstoffbelastung).